Mittwoch, 18. Dezember 2013

Fahrradstillleben VI: Waschsalon


Mein Rad braucht eine Wäsche. Im Winter eigentlich jedes Mal, nach dem ich mit ihm gefahren bin. Es ist mein Winterrad, ein Cyclocrosser. Früher hieß dieses Treiben in Wald und Flur mal Querfeldein. Im Winter mache ich das oft und gerne. Und jedes mal sieht der Crosser aus wie die Wildsau persönlich. Also habe ich nachts einen Waschsalon aufgesucht. Ein Schleudergang für die Gedanken.
So ein Waschsalon ist ein gespenstischer Ort. Grelles Neonlich, weiße Kacheln, stickige Luft und meditativ laufende XL-Trockner erinnern mich an US-Horrorfilme, die nach zwei Uhr morgens im Unterschichten-TV laufen. Gruselig! Auch in Hamburg. Da sitzt ein Typ mit tätowierter Glatze in der Ecke und liest in einem zerfledderten Taschenbuch. Eine stark geschminkte Russin mit auffälligem Pelzkragen nippt an einer Kraftbrühe aus dem Automaten. Von draußen kommt einer rein. Sein alter Mantel ist zu groß und hat keine Knöpfe mehr. Waschen will er nicht. Nur Wärme. Und seine Dose Bier, die in einer Alditüte steckt, in Ruhe austrinken.


Ja, Waschsalons sind rettende Ufer für menschliches Strandgut und urbane Schicksale. In ihnen bleibt hängen, was die harte Großstadt anspült. Der Raum, die Wärme, das Licht werden zum Weichspüler für die Seele. Der Biertrinker lacht. Ich lache zurück. Er hat hier nichts zu suchen. Ich habe hier nichts zu suchen Mein Rad hat hier nichts zu suchen. Für einen Moment sind wir Brüder im Geiste. Dann ist seine Dose leer. Er lacht noch mal zum Abschied und verschwindet in die dunkle Nacht. Mensch, was habe ich es gut. Meine Probleme sind pure Luxusprobleme.

Normalerweise wasche ich mein Rad sofort nach einer Tour mit einem Schlauch, wo immer sich dazu eine Möglichkeit bietet. Leider ist aber ab November meistens das Wasser abgestellt, ist ja Winter, könnte ja frieren. Der fürsorgliche Hausbesitzer dreht da den Haupthahn dicht. Bleibt der Dampfstrahler an der nächsten Tankstelle. Aber die gibt es auch nicht an jeder Ecke und in Offroad-Gefilden gleich gar nicht. Und der hohe Druck soll ja auch nicht so toll sein für die Lager. Schade!

Wie schön wäre es doch, ich könnte mein von Cyclefix gebautes Geländerad einfach im Waschcenter in die Trommel stecken. So ein Waschgang kostet 3,50 Euro, trocknen noch mal zwei Euro. Nicht zu teuer, wenn man bedenkt, dass man danach wohl ein blitzblankes Fahrrad hätte. Aber ein Fahrrad passt da nun mal nicht rein. Schade!


Hin und wieder liest man ja mal was über mobile Fahrradwaschanlagen. In meiner Nähe habe ich noch keine entdecken können. Überhaupt habe ich die Dinger bislang nur auf Fotos gesehen. Die scheinbar gute Idee scheint sich nicht wirklich durchzusetzen. Schade!

Und was ist mit einem Profi-Waschservice? Machen Radläden das? Oder der freundliche Nachbarjunge gegen entsprechende Entlohnung? Nee, auch da habe ich noch keine guten Angeboten gefunden. Ein Waschservice für Fahrräder muss dringend her.

1 Kommentar:

  1. Schöne Bilder im verlassenen Waschsalon! Ich habe mal ein paar Jahre meine Wäsche dort gewaschen. Auch eine klitzekleine Waschmaschine passte nicht in mein 23 qm-1-Zimmer-Apartment mit Kochnische.
    Also Wäsche in den Wäschekorb gepackt und per Straßenbahn zum nächsten Waschsalon. Die Zeit hab ich mir mit Lesen und Stricken vertrieben. So schlecht war's gar nicht. Heutzutage gibt es auch sehr nette Waschsalons mit Café und netten Betreibern, die mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dorthin gehe ich in den seltenen Fällen, in denen ich einen Trockner brauche, denn ich habe keinen.
    Grünschnabel

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