Samstag, 25. Januar 2014

Rad-Reparatur: Wie die alte Dame wieder auf die Räder kommt

Ein Freund hat mir ein verrostetes Damensportrad geschenkt, ein so genanntes Mixte. Also eine Art Rennrad im französischen Stil ohne gerades Oberrohr, dafür mit einem tiefen Durchstieg. Hersteller ist Peugeot. Es ist fast 50 Jahre alt, stand lange am Straßenrand und sieht bedauerlich aus. Aber genau das ist es ja: Je schlechter der Zustand, desto größer die Herausforderung. Darum habe ich mich der traurigen Französin angenommen. Nicht mal mehr zum Auto rollen wollte sie, sondern getragen werden. Armes Ding. Zu Hause dann wurde sie richtig zickig. 
Im Hinterrad sind mehrere Speichen gebrochen. Der gesamte Antrieb ist blockiert und fest gerostet. Überall Dreck und Schmiere. Die Dame lebte eben auf der Straße. Pflege oder gar Kosmetik kannte sie nicht. Das wird sich ändern. Als erstes schicke ich Madame unter die Dusche. Aus der sprüht feinstes WD40 auf sie nieder. Und siehe da: Die Behandlung gefällt ihr und sie wird langsam geschmeidiger.

Sogar einige ihrer festgegammelten Schrauben lassen sich wieder drehen. Man muß sie halt zu nehmen wissen, diese gealterten Diven. Also gleich nochmal; plötzlich schnurrt der Löwe wie ein Kater, der gestreichelt wird. Das ist der Freilauf, der sich wieder drehen lässt. Aber das bewegt mich nicht. Das Peugeot bekommt eine Komplettbehandlung und wird zerlegt. Kein Wunder, dass sie ungnädig knurrt als ich die klassischen Flügelmuttern an der Hinterachse löse und die Kette ohne langes Fackeln mit einem dicken Bolzenschneider trenne. Da ist nichts mehr zu retten an dem tiefbraunen und unbeweglichem Gliederwerk.

Um die Speichen auszutauschen muß das Ritzelpaket  runter. Zum Glück habe ich einen passenden Abzieher in der Werkzeugkiste und schon liegt der Fünffach-Schraubkranz auf dem Tisch. Passende Speichen finde ich schnell im Internet und nach ein paar Zentrierumdrehungen läuft das Hinterrad wieder gerade. Dabei fällt mir auf, dass Michelin-Reifen der Dimmension 650 B verbaut sind; ein klassischen Maß für französische Randonneursräder. Hat schon Stil, die kleine Französin.



Doch hier und da bleibt sie zickig. Die Laufröllchen des Simplex-Schaltwerks sind ebenfalls fest. Also muß es ab. Und dabei trete ich der Dame leider zu nah. Mit einem Inbusschlüssel löse ich das Schaltwerk am oberen Gelenk statt am Ausfallende. Das nimmt mir Madame erst mit einer verbogenen, schließlich der abgebrochenen Tosrsionfeder übel. Ohne die, ist das Schaltwerk wertlos. Merke: Nie das Schaltwerk von vorn gegen die Federkraft lösen, sondern stets von hinten an der Mutter losschrauben. Nur Typen mit Manieren kommen hier bei ihr ans Ziel. Ich hatte keine.



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Verdammt, zum Fahrradhändler an der Ecke brauche ich nicht zu gehen. Der lacht mich nur aus. Klar, Schadenfreude. Wer sich mit einer Diva abgibt, sollte fühlen, was er davon hat. Woher also so eine Feder kriegen? Normalerweise ist das Internet ja für fast alles ein Allheilmittel. Nach längerer Recherche stelle ich fest, dass fast alle Schaltwerke bis hin zur aktuellen Dura Ace an dieser Stelle eine ähnliche Feder namens "P-Spring" haben und diverse Online-Händer diese auch für zwei bis drei Euro liefern können. Ich bestelle bei Kurbelix für 2,10 Euro. Aber das reicht mir noch nicht. Ein gut sortierter Eisenwarenhändler sollte so etwas doch auch haben. Also rein in so einen Laden, mitten in St-Pauli. Der heißt Schüllenbach und hat eigentlich alles. Nur keine passende Feder. Aber so ein ehrliches Nachbarschaftsladen hat meist eine Idee und so schickt mich ein Mitarbeiter nach Stellingen zur Firma HEK. Ein toller Tip. "Heidorn, Erdmann und Koch" ist eine echte Federnfabrik alter Prägung.
Mitten in Stellingen fertigt der Betrieb Federn aller Art - Zugfedern, Druckfedern, Drehfedern, Schenkelfedern, Wurmfedern, Helicoilfedern, Formfedern, Blattfedern, ... nur keine Daunenfedern.

Federn sind übrigens ein spannendes Produkt. Sogar Wolkenkratzer werden in Erdbebengebieten auf riesigen Federn gebaut. Ohne Druckfeder ist ein Kugelschreiber unbrauchbar und selbst in Uhrwerken sitzen extrem kleine Minifedern - was für ein Anwendungsspektrum. Da sollte doch die richtige Feder für mich dabei sein. Doch zunächst stehe ich vor verschlossenen Türen. "Pause von 9.15 Uhr bis 9.30 Uhr", verkündet ein altes Blechschild. Old Style eben. Kaffee und Bildzeitunge ohne das ein Kunde stört müssen sein. Es ist 9.20 Uhr.

Inbus-Bolzen mit ungekürzter Ersatzfeder
Zehn Minuten später empfängt mich ein netter Mitarbeiter im Büro. Ich zeige ihm die gebrochene Feder und erkläre ihm das Problem. Er ist skeptisch. "Dass wir genau so eine haben, ist unahrscheinlich", sagt er. Ach Mensch, ich hätte gedacht er geht ins Lager, greift ins Regal und kommt mit der richtigen Feder wieder. Statt dessen schickt er mich in den Keller zu den Grabbelkisten. "Überproduktion", sagt er. Da können sie mal durhgucken." Ich habe noch zehn Minuten Zeit, die Kisten sehen aber nach einer Stunde Arbeit aus, mindestens. Also nehme ich mir die größte vor. Federn jeder Art liegen drin, vor allem viel zu dicke und zu lange. Unten sind ein paar Exemplare, die meiner kaputten Feder ähneln. Drahtdicke, Durchmesser und Länge stimmen in etwa. Nur die Enden sind in die falsche Richtung gebogen und viel zu lang. Doch das ist egal.

Zuhause knipse ich die zu langen Enden mit einem Seitenschneider ab und biege sie mit Flachzange, Hammer, Schraubstock und Heißluftfön in die richtige Position. Dann fädel ich die umgebaute Ersatzfeder über den Bolzen und stecke alles zurück ins Schaltwerk. Jetzt ist es nur noch etwas fummelig, die Drahtenden in die Bohrungen zu kriegen, die die Feder fixieren und sie so auf Spannung bringen. Aber auch das funktioniert nach einer Weile. Inbus und Kontermutter schraube ich unter Federspannung wieder zusammen und montieren das Schaltwerk zurück an den Rahmen. Dazu noch eine neue Kette und - è voilà - die französische Lady schaltet wie fix und präzise wie eine Tänzerin im Moulin Rouge.

2 Kommentare:

  1. hey, lese deinen blog schon ne weile mit echtem interesse.
    die "frauen"-analogie dieses artikels schreckt mich aber so
    massiv ab, dass dein blog jetzt aus meinem rss-feed fliegt.
    "schnurrt wie eine katze" eieiei, watt is da nur schiefgelaufen...

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  2. Okay, war vielleicht nicht mein bester Tag. Die Frauen-Analogie mag in der Tat altbacken wirken. Da das Peugeot-Rad ein Mixte ist, also eines für Damen, bin ich sprachlich vielleicht in eine chauvinistische Ecke abgedriftet. Gut das es Leser gibt, die etwas dagegen sagen. Frauenfeindlich war das definitiv nicht gemeint. Es kommen auch wieder bessere Tage. Versprochen!

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