Donnerstag, 2. Oktober 2014

Mit dem Brompton durch London: very, veeeeeery british!



London, das sind rote Doppeldeckerbusse, Black Cabs und die Tube. Und natürlich das Fahrrad. Seit ein paar Jahren boomt Cycling in der britischen Hauptstadt und entwickelt eine lebendige Szene. Londons blonder Bürgermeister Boris Johnson fördert nicht nur Radverkehrspolitik mit großem Eifer, sondern ein von der Barclay Bank gesponsertes Leihrad-System etabliert. Auch bei Touristen sind die so genannten blauen "Boris Bikes" sehr beliebt. Doch die coolste Art durch London zu radeln ist mit einem Brompton. Auch die kann man an der Themse mieten. Auf sehr originelle und günstige Weise.



Das britische Kult-Klapprad Brompton wird tatsächlich noch im westlichen Stadtteil Brentford komplett produziert und erfreut sich bei Pendlern großer Beliebtheit. Kein anderes Faltrad ist praktischer, robuster, durchdachter. Mit Preisen ab knapp 2000 Euro leider auch nicht ganz billig. Doch man muss in London kein eigenes Brompton, besitzen um mit einem Brompton durch London zu radeln. Seit einiger Zeit betreibt der Hersteller mit verschiedenen Partnern ein Konzept namens Brompton Bike Hire über so genannte Brompton Docks.


Das sind Schließfächer, die sich per Zahlencode öffnen lassen und ein top gepflegtes Faltrad preis geben. Elitär? Im Gegenteil: Für Gelgenheitsnutzer kostet die Mitgliedschaft nur ein Pfund, die Tagesmiete fünf Pfund, also rund sieben Euro. Billiger geht es kaum. Wer ein "Boris Bike" mietet, zahlt jedenfalls deutlich mehr und sitzt auf einem grobschlächtigen Allerweltsrahmen statt auf dem lässigen Brompton. Ich wollte das System unbedingt ausprobieren und habe mich online dafür registriert.

Nach Eingabe des Zahlencodes öffnet sich das
Schließfach und ein lilanes Brompton steht mir
zur Verfügung
In nur 15 Sekunden ist mein Leih-Brompton
in fahrfertigem Zustand
Aber der Reihe nach: Ich erreiche London an einem Freitagmorgen mit dem Auto. Eigentlich ein teurer Spaß, denn erstens verlangt die Stadt auch von Ausländern für das Befahren der City die Congestion Charge (Citymaut) von elf Pfund und parken kann man eigentlich auch nirgends. Also lasse sich mein Blech auf einem Kinoparkplatz am südlichen Stadtrand stehen und begebe mich zur Bahnstation Peckham Rye. Dort gibt es einen Bicycle Hub, in dem Räder geparkt und repariert werden.

Direkt unter den Gleisen befindet sich auch das Brompton Dock. Doch bevor ich ans Rad komme, registriere ich mich via iPhone für den Service. Das dauert. Bis alle Infos inklusive Kreditkartendaten und so weiter übertragen sind, ist eine halbe Stunde vergangen. Doch dann erhalte ich durch Senden einer SMS an die Nummer des Docks einen Öffnungscode und schon - Sesam öffne Dich - blitzt mich ein gefaltetes Brompton an. Ein tolles Konzept. Auf nur etwa fünf Metern beherbergt das Dock rund 20 Bromptons - eine extrem platzsparende Lösung.

Mit drei Handgriffen ist das Kult-Rad betriebsbereit und es geht los. Ohne festes Ziel radel ich Richtung Innenstadt. Das kleine Rad mit den 16 Zoll-Rädern rollt gut und bringt mich zügig voran. Ein angenehmer Spätsommerwind bläst mir ins Gesicht. Herrlich! Das sind die Momente, in denen Radfahren ein besonders großes Zufriedenheitsgefühl erzeugt. Berlin, Paris, New York, Singapur, ich bin schon in vielen Metropolen mit dem Rad unterwegs gewesen. Jede Großstadt hat ihre Radfahr-Eigenarten. In London ist das Bike seit ein paar Jahren besonders hipp. Durch die Tour de France- Erfolge von Wiggins, Froome und Cavendish, durch den geadelten Bahn-Crack Chris Hoy und durch die Olympischen Spiele herrscht in London eine regelrechte Radsport-Euphorie. Dabei sehe ich selten das, was man gemeinhin Alltagsradler nennt, sondern überwiegend Rennräder. Radfahren bedeutet in London offenbar Rennradfahren. Erst nach mehreren Kilometern entdecke ich auch ein paar ganz normale Fahrräder. Und Bromptons. Ja, das Faltrad fährt tatsächlich in London in nennenswerter Stückzahl durch die Straßen.

An einer Ampel zieht ein anderer Brompton-Fahrer neben mich. Reflexartig hebe ich die Hand zum Gruß. Er lächelt, mehr verlegen als freundlich. Soweit, dass man sich gegenseitig grüßt, geht der Brompton-Kult dann wohl doch nicht. Aber zum Glück zeigt er mir wenigstens keinen Vogel. Weiter geht's. Nach gut 20 Minuten erreiche ich die Tower Bridge. Die berühmte Brücke ist mit Touristen verstopft. Kein Durchkommen. Ich schiebe. Das Reiseführer-London direkt an der Themse mochte ich noch nie so richtig.

Ich lasse mich weiter treiben, mal nach links, mal nach rechts, dann ein par Kilometer geradeaus. Moderne Bürogebäude ziehen vorbei, gefolgt von alten Backsteinhäusern und Lagerhallen. London ist eine Stadt der Kontraste - supermodern und viktorianisch altmodisch. Alles auf engstem Raum. Für Radfahrer hat sich in den letzten Jahren viel getan. Aber immer noch nicht genug. Es fehlen Radwege und -Infrastruktur. Die von Boris Johnson angeschobenen Bautätigkeiten können mit der Fahrrad-Massenbewegung nicht Schritt halten.

Für Radfahrer wird in London viel getan

Zwar sind vielerorts weiße Radstreifen auf die Straße gemalt, trotzdem komme ich nicht zügig voran. Verantwortlich dafür sind die roten Doppeldecker-Busse. Sie halten etwa alle 200 Meter und blockieren die Straße. Die Busse auf der Straße zu überholen wirkt auf mich unsicher, weil von hinten fast immer dichter Verkehr drängt. Darum wähle ich mehrfach den Schlenker über den Gehweg. Doch das finden die Fußgänger bestimmt weniger gut und erhöht mein Durchschnittstempo auch nur unwesentlich. Außerdem stören zahlreiche Baustellen den Verkehrsfluss genau so wie lange Rotphasen an den Ampeln. Nein, ein Fahrradfahrer-Paradies wird London so schnell nicht.


Brick Lane Bikes (BLB) in der Brick Lane
Völlig unerwartet sehe ich im Augenwinkel plötzlich einen kleinen Radladen. Über der Tür ein bekannter Schriftzug: BLB. Ich ziehe die Bremse und drehe um. Was für ein Zufall. Ich stehe vor Brick Lane Bikes - ein sehr bekanntes Geschäft, dass sich durch stylische Sättel, Naben und Zubehör aller Art weltweit einen Namen gemacht hat. BLB ist so bekannt, dass die globale Modekette H&M vergangenes Jahr mit BLB eine Kooperation eingegangen ist und spezielle Radklamotten auf den Markt gebracht hat.

Ich falte mein Leih-Brompton klein und trage es am Arm in die BLB-Räume. Keiner wundert sich. Brompton in der Hand gilt in London offenbar als normal. Unter der Decke hängen Stahlrahmen. Viele Stahlrahmen. Sehr viele Stahlrahmen. Ein Laden zum stöbern, suchen und entdecken. Bunte Sättel und Naben, Bremsen und Laufräder - ein Paradies für Freaks. Spezialgebiet: Fixies, Singlespeed und Renner. Als Andenken kaufe ich ein paar Alupedale und ein Buch.

Look mum no hands in der Old Street London
Nach ein paar Meilen erreich ich die Old Street. In dieser befindet sich "Look mum no hands" (LMNH). Übersetzt heisst das "Guck Mama, ich fahre freihändig". LMNH ist ein Fahrradcafé, besser ausgedrückt die Urzelle aller Fahrradcafés, eine Institution. Während der Tour de France wird jede Etappe live übertragen. Als ich eintreffe wirft ein Beamer gerade die Vuelta auf die Leinwand.

Davor verfolgen einige Gäste das Geschehen um Vincenzo Nibali, die anderen stochern im Salat oder nuckeln an ihren Bierbuddeln. Rund drei Viertel der Fläche steht voll wackeliger Stühle und ausgemusterten Schultischen. Tafeln mit Kreideschrift verkünden das Angebot: "Pasta with rich meat sauce" oder "Avocada salad". Auch im LMNO parkt mein Brompton unterm Tisch. Ein Schloss ist überflüssig. Einfach das Brommi mit drei Handgriffen klein machen und mitnehmen.


Cycling Superhighway
Radfahrer in London
Auch auf die Toilette. So wie ein paar Stunden später bei Starbucks. Dort gönne ich mir einen Kaffee, das Brompton kaum sichtbar neben mir. Dann muss ich zum WC und mag das Rad nicht unbeaufsichtigt stehen lassen. Darum nehme ich es mit aufs Klo - auch das ist problemlos möglich. Ein Foto davon gibt es leider nicht.

Abschließend habe ich noch einen der so genannten Cycling Superhighway angeschaut. Das sind durchgehend blau markierte Radschnellwege, auf denen es besonders zügig vorwärts gegen soll. Funktioniert auch. Jedenfalls viel, viel besser als die mit Bussen und Taxen verstopften Hauptstraßen. Sogar kostenlose Luftpumpen hat Bürgermeister Johnson fest im Boden installieren lassen. Wie die Dinger funktionieren konnte ich leider nicht heraus finden. Schade.

Am Ende des Tages verschwindet mein Brompton wieder dort, wo ich es heute morgen ausgeliehen habe: im Brompton Dock in der Bahnstation Peckham Rye. Ich habe den Tag genossen und wünschte, auch Hamburg könnte sich neben den roten Stadträdern für eine derartige Brompton-Vermietung begeistern. Einen Kunden hätte sie jedenfalls schon.













2 Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Bericht,der gut in einen London Reiseführer passen würde.
    Gruß Wolfgang

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  2. Lars schrieb:
    Hallo,
    vielen Dank für den Blogpost zu deiner Nutzund des Brompton Verleihsystems.
    Informativer Bericht, gute Fotos.

    Ich selber nutze lieber mein birdy,
    aber beim Thema Falten und Packmaß ist das Brompton echt vorne.
    Und in London ist das Brompton natürlich stilecht!

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