Sonntag, 21. Dezember 2014

Skandal: Fahrradbarometer an der Alster zählt falsch und übertreibt

Seit Oktober steht am Ostufer der Alster in Hamburg ein Fahrradzähler. Eine tolle Sache, über die ich mich sehr freue. Denn wie in Kopenhagen und anderen fahrradfreundlichen Städten ist so ein Zähler ein gutes Motivationsinstrument für mehr Radverkehr. Die blaue Säule zeigt mit leuchtenden Digitalziffern Datum, Uhrzeit (leider keine Temperatur), die Tagessumme der in beide Fahrtrichtungen passierenden Radler sowie in einer Säulengrafik die Gesamtzahl pro Jahr. So weit, so gut. Aber wie funktioniert das Ding eigentlich? Welche Technik kommt zum Einsatz? Und ist die Zählung akkurat? Klare Antwort: nein! Das konnte ich durch mehrfache Beobachtung und einige Versuche eindeutig feststellen. Nicht schlimm, aber einen Blogeintrag ist mir das allemal wert.
Der Leuchtbalken steht bei 350000. Das ist eine stolze Zahl. Sie markiert die Anzahl der Radfahrer, die seit Oktober den neuen Fahrradzähler an der Alster in beiden Richtungen passiert haben. Applaus bitte!  
Das Fahrradbarometer marschiert stramm auf
die Millioenn zu

Etwa zur Jahresmitte 2015 dürfte die Millionen geknackt werden. Ich werde dann dort mit einer Flasche Sekt auf die Millionärin oder den Millionär warten, denn ich bezweifle, dass das zuständige Behörde daran denken wird. Das ist das Bezirksamt Mitte, wie man deutlich auf dem Fahrradzähler lesen kann. Bevor ich zu kritisch werde, erst einmal ein dickes Danke für diesen Zähler. Ich finde ihn toll. Auch wenn er falsch zählt.



Denn das ist der Haken an der Sache: Der Zähler übertreibt. Zumindest ist das mein Fazit nach längeren und genauen Beobachtungen der Anlage. An einem regnerischen Tag wollte ich ein Foto von einem vorbei wischenden Radfahrer schiessen. Der Zähler stand bei 746 als ein Radfahrer stadtauswärts mit normalen Tempo die Säule passiert und was macht die Anzeige? Sie springt auf 748 statt auf 747. Erst dachte ich, meine Augen hätten mich getäuscht. Also wartete ich weitere Radfahrer ab. 

Die nächsten, die kommen, fahren Richtung City: 749, 750, 751 - alles normal, alles ordnungsgemäß. Jetzt auch in die andere Richtung: 752, 753, 754, 755... Also doch getäuscht! Aber dann passiert es wieder. Wieder stadtauswärts. Wieder eine Doppelzählung. Ein einzelner Radler fährt vorbei und wird wie zwei gezählt. Ich bin froh, dass meine Augen doch noch richtig sehen. Etwa jeden 15. bis 20. Radler registriert die Technik doppelt. Skandal! Ist das Bezirksamt Mitte etwa eine heimliche Radfahrer-Lobbyanstalt, die so die Zahlen nach oben frisiert? 
Stilisierte Darstellung der Funktionsweise
von Eco Counter


Natürlich ist es die Technik und keine behördliche Manipulation. Das Fahrradbarometer stammt von der Firma Eco Counter, die sich weltweit auf Zählanlage aller Art spezialisiert hat und damit gute Geschäfte macht. Immerhin kostet der Hamburger Zähler 22000 Euro plus Installationskosten. Kaum aufgebaut, rief die Anlage auch schon Kritiker, vor allem aus der Hamburger CDU, auf den Plan, die den Zähler als Symbolpolitik und rausgeschmissenes Geld brandmarkten. Eine Auffassung, die offenbar auch der Bund der Steuerzahler teilt, denn im Schwarzbuch 2012 wurden gleichartige Zähler in Baden Württemberg kritisiert.

Ich sehe das anders und stimme Bezirkamtseleiter Andy Grote zu: "Für uns zählt jeder Radfahrer. Das machen wir hier ganz deutlich und hoffen nebenbei, den ein oder anderen Autofahrer zu ermuntern, den Umstieg auf´s Fahrrad einfach mal auszuprobieren“, teilt der SPD-Politiker per Pressemitteilung mit. Was gibt es daran zu kritisieren? Das ist gut angelegtes Steuergeld finde ich.  


Aber warum zählt sie denn nun falsch, diese teure Messstation? Ich bin ich neugierig. Ist das nur bei Stadtauswärts-Radlern so? Wann und warum tritt die Falschzählung ein? Was kann der Fehler sein? 


Darum hier ein paar Erklärungsversuche: Es ist die Technik. Die an der Alster verbaute Anlage trägt den Namen "Zelt Greenway" und arbeitet mit einer im Radweg verlegten Induktionschleife. "Mit diesem speziellen Sensor wird die magnetische Signatur der Räder des Fahrrads anhand von 13 Parametern genau analysiert. Der vom Signalumwandler verwendete Algorithmus ermöglicht äußerste Präzision in allen Verkehrssituationen", wirbt die französische Herstellerfirma in etwas kryptischem Deutsch für ihr Produkt.

Funktionsweise des Fahrradbarometers mit Hilfe
von Induktionstechnik

Äußerste Präzision, so erfährt man bei der technischen Beschreibung von Eco Counter weiter, bedeutet eine Genauigkeit von minimal 95 Prozent. Fünf Prozent Fehlzählung bei einem Radfahrer-Höchstaufkommen von 11000 pro Tag sind immerhin 550 Personen. Kein Grund zur Aufregung. An einem nasskaltem Januartag bei einer Tageszahl von nur, sagen wir, 600 Radlern, beträgt die Abweichung 30. Auch damit kann man leben. Nach meiner Beobachtung zählt die Anlage eher zuviel als zu wenige Radfahrer.
So funktioniert das Fahrradbarometer
an der Außenalster

Wer genau hinsieht, erkennt im Boden eine keine Fläche mit Fahrradsymbol. Ich vermute hier ist der die Induktionsschleife eingelassen. Sie ist der Beginn beziehungsweise das Ende der rund fünf Meter langen Messstrecke. Durch Fußgänger, Jogger, Hunde, Tauben und Schwäne lässt sich Anlage zum Glück nicht manipulieren. Auch der nur wenige Meter zweispurig vorbeisausende Autoverkehr sorgt für keine Irritationen. Das Amt hat sich bei der Wahl des Standortes übrigens Mühe gegeben, dass die Autofahrer einen Blick auf die Anlage werfen können. Von der Straße aus ist sie dennoch nicht optimal erkennbar.

Preisfrage: Was ist mit Kinderwagen, Tretrollern, Kickboards, Fahrradanhängern und Tandems? Was mit Bambusfahrrädern und Carbonbikes, die möglicherweise eine andere Signatur hinterlassen? Werden die gezählt und wenn ja, wie? Fragen über Fragen und bislang kaum Antworten. Darum habe ich versucht, durch einen  kleinen Feldversuch herauszufinden, wie gut die Anlage auf verschiednen Gefährte reagiert.
Der Tretroller wurde vom Fahrradbarometer
nicht registriert

Mit einem Tandem, einem Fahrradanhänger und einem Tretroller habe ich mehrere Vorbeifahrten simuliert und mir die Ergebnisse angeschaut. Ich hätte wetten können, das der Zähler auf den Tretroller reagiert. Tut er aber nicht. Egal aus welcher Richtung ich die Anlage passiert habe, die Digitalanzeige reagierte nicht. Die Technik scheint also prima einen Tretroller oder ein Kickboard von einem Fahrrad unterscheiden zu können. Gleiches gilt für den Fahrradanhänger. Auch hier habe ich mehrere Vorbeifahrten mit unterschiedlichem Tempo absolviert; der Zähler blieb unbeeindruckt.


Nun also das Tandem. Drei Versuche, drei Mal wird jeweils ein Fahrrad gezählt. Genau in dieser Testphase zählt die Anlage aber erneut einige Einzelfahrer wieder doppelt. Beim vierten versuch stadtauswärts werde auch ich auf dem Tandem doppelt gezählt. Die Fehlerquote scheint eindeutig höher zu liegen als die angegebenen fünf Prozent. Ich schätze es sind eher zehn Prozent.

Der Testfuhrpark: Anhänger, Tretroller, Tandem

Letzter Test: Tandem plus Anhänger zusammen! Bei dem Gespann geht die Technik immer von zwei Fahrrädern aus, einmal werden sogar drei gezählt, was auch stimmt, wäre ich mit Stolker und einem Kinderanhänger unterwegs.

Dieses Gespann registriert der Fahrradzähler als mindestens zwei Räder,
manchmal springt die Digitalziffer sogar um drei Einheiten weiter

Die Frage mit den Carbonfahrräder kann ich leider nicht beantworten. Vielleicht verfügt ja einer der Leser über ein Kohlefaser-Fahrrad und mag selbst einen kleinen Test durchführen..


Wie auch immer: Wer wird Millionär? Ich werde, siehe oben, auf den 1000000. Alster-Radfahrer warten und ihn feiern. Auch wenn es in Wirklichkeit erst der oder die Nummer 950000 ist. An fünf Prozent können vielleicht Parteien scheitern. Aber doch nicht wir Radfahrer.


4 Kommentare:

  1. Sorry, als Radfahrer vermag ich den Enthusiasmus nicht zu teilen. Für mich ist das Ding ein modischer Firlefanz im Zuge des "quantified self" mit vielen Apps. Alles muss gemessen und gezählt werden, weil es halt geht, Sinn kann man noch irgendwie drankleben. Hier steigen angeblich Leute aufs Rad um, weil ein Barometer irgendwas anzeigt, den Fahrraddruck oder so. Als ob an den Wert nicht nach 10 Sekunden wieder vergessen hat. Was soll er einem auch sagen: "so viele!"? Solche Sachen werden meist paar Jahre später stillschweigend wieder abgebaut, wenn sie irgendwann kaputtgegangen sind und halt was anderes "hip" wurde. Werschätzung soll der Zähler auch noch ausdrücken. Ich fnde es mehr Wertschätzung, wenn man mir meinen geliebten Alsterradweg ließe, statt ihn abzubauen, die Straße zu verengen, paar Fahrräder raufzumalen und zu behaupten, das sei doch so viel schöner. Weil die meisten Radahrer weiterhin lieber dort fahren als auf der stressigen Fahrradstraße, baut man ihnen den Radweg unterm Hintern weg, dann MÜSSEN sie ja auf die Straße, ob sie wollen oder nicht. So sieht die "Wertschätzung" in Wahrheit aus. Tja Pech gehabt, in meinem Fall werde ich da eher gar nicht mehr hinfahren, es ist einfach nicht mehr so schön und macht so keinen Spaß mehr. Da liegts dann nicht daran, dass der Zähler kaputt ist, wenn durch die 1,5-Mio-Fahrradstraße am Ende eher weniger Leute da Rad fahren. Zwischen den Autos.

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  2. Ein wahrlich grandioser Artikel der mich sehr amüsiert hat. Den Enthusiasmus über den Zähler kann ich durchaus teilen und bewundere die Hingabe mit der das Gerät getestet wurde.

    Mich würde interessieren, ob der glückliche Millionär tatsächlich gefeiert wurde?

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  3. Danke für Deinen Kommentar. Leider habe ich den Millionär nicht gefeiert, da ich am Zähler nur noch selten vorbei komme. Spannend ist, dass Hamburg weitere Zähler aufstellen will. Und ich wollte das Ding ja auch nochmal mit einem Vollcarbon-Rennrad checken.

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  4. Das Ding ist absolut notwendig!
    Bei derzeitigen Planungen, die den Radverkehr fördern sollen, gibt es immer nur Zahlen für den Autoverkehr. So wird die notwendige Breite eines Radschutzstreifens nach den Zahlen des Autoverkehrs definiert.
    Und nicht nach dem tatsächlichen Bedarf.
    Willkommen im Autoland Deutschland!

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