Montag, 21. März 2016

Interview mit Hamburgs erfolgreichsten Fahrrad-Verkäufer: "Über Kinder freue ich mich besonders"

Ralf Heitmann versteigert seit 2005 Fahrräder
Ralf Heitmann (58) ist Auktionator im zentralen Fundbüro der Stadt Hamburg. In Altona versteigert er bis zu 16 Mal im Jahr Fahrräder zu Schnäppchenpreisen. Das macht ihn nicht nur zum originellsten Fahrradverkäufer der Stadt, sondern auch zum erfolgreichsten. Im Interview verrät er Details seines spannenden Jobs und gibt Tipps, wie man an ein günstiges Fahrrad kommt.






"Zum Ersten, zum Anderen...... und zum Letzten." Rund 200 Mal wird Ralf Heitmann diesen Satz am heutigen Tag in sein Mikrofon sagen. Er sitzt auf einem blauen Barhocker erhaben auf einer Bühne. Showtime im Fundbüro! 

Wer will dieses Trekkingrad haben", fragt Heitmann. Das Publikum reckt die Hälse. Neben ihm präsentiert sein Kollege ein gut erhaltenes Herrenrad mit zehn Gängen. "Fünfer! Bietet jemand fünf Euro?" Heitmann blickt in die Runde. "Niemand fünf Euro?" Plötzlich zeigt er nach hinten: "Da, fünf Euro!" Und dann geht es Schlag auf Schlag: Fünf, zehn, elf, zwölf, 13, 14, 15, 16, 17..., wie ein Maschinengewehr rattet Heitmann die Zahlen runter. "42 Euro...- zum Ersten, zum Anderen, zum Letzten. Zwoundvierzig Euro für den Herrn in der Mitte.

Und so geht es weiter und weiter, etwa zwei Stunden lang - bis das letzte Rad unterm Hammer ist. Hier im Blog habe ich bereits einmal über die Auktion im Fundbüro berichtet. Der Beitrag gehört zu den meist geklickten Themen. Kurz vorm Start der März-Versteigerung konnte ich mit Ralf Heitmann über seinen spannenden Job zu reden.

St-Pedali: Herr Heitmann, 16 Fahrrad-Auktionen á 200 Räder macht über 3200 Fahrräder im Jahr, die sie unter die Leute bringen. Sind Sie Hamburgs erfolgreichster Fahrrad-Verkäufer?
Heitmann (lacht): Ja, das kann gut sein. Hab ich noch nie drüber nachgedacht. Doch, ja, wahrscheinlich bin ich das wirklich.
St-Pedali: Sie sind also gelernter Auktionator?
Heitmann: Nee, ich bin ausgebildeter Kfz-Mechaniker, war bei der Bundeswehr und bin dann Mitarbeiter im Fundbüro der Stadt Hamburg geworden. Seit 2005 machen ich alle Fundsachen-Versteigerungen.
St-Pedali: Wenn ich das jetzt nochmal hochrechne, macht das in elf Jahren mehr als 35000 verkaufte Räder. Das ist vielleicht sogar Weltrekord. Woher kommen die Räder eigentlich, die sie im Fundbüro auktionieren?
Oldschool: Schild am Eingang

 400 herrenlose Fahrräder pro Monat

Heitmann: Die stammen aus den Beständen der Polizei, also aus den einzelnen Revieren. Es sind meist klassische Fundstücke, die keinem Eigner zugerechnet werden können. Beschwert sich ein Anwohner beispielsweise über ein lange unbenutztes Rad, das einen Durchgang behindert, holt es die Polizei ab. Bis zu 400 herrenlose Fundfahrräder kommen auf diese Weise pro Monat in Hamburg zusammen.
St-Pedali: Aber was ist, wenn der Eigentümer dennoch plötzlich auftaucht? 
Heitmann: Die Polizei bewahrt herrenlose Räder sechs Monate auf. In dieser Frist können es die Besitzer zurück bekommen. Passiert das nicht, wandern die Räder anschließend zu uns ins Fundbüro und...
St-Pedali: ... und werden dort überholt, gewartet und kriegen eine Gebrauchtrad-Garantie?
Heitmann (lacht laut): Nein, nein! Wir machen nichts an den Rädern. Sie sind nicht auf Verkehrssicherheit und Vollständigkeit geprüft. Fundstücke werden versteigert wie besehen. Zurücknahme ist nicht möglich.
St-Pedali: Was passiert, wenn der ursprüngliche Eigentümer sein Fahrrad unterm Hintern eines Anderen entdeckt, der das Rad ersteigert hat, und es der Vorbesitzer nun zurück haben will?
Heitmann: Der Ersteigerer darf es in jedem Fall behalten. Er sollte die Quittung an den angeblichen Eigentümer weiter reichen und dieser kann, wenn er den rechtmässigen Ex-Besitz glaubhaft macht, sich von uns die erzielte Summe auszahlen lassen.

Die Versteigerungshalle ist inzwischen mit etwa 100 Leuten gefüllt. Konzentrierte Augen  wandern über die Absperrgitter auf die dahinter dicht an dicht abgestellten Räder. Mehr Begutachtung ist nicht möglich. Die Blicke verraten eine nervöse Spannung. Pockerface ist angesagt: Wer wird auf mein ausgegucktes Rad noch bieten? Der Typ da vorne? Oder der Blaumann ganz hinten? Oder das Mädel mit den Handy? Kein Zweifel: Versteigerungen sind eine spannende Sache, für die man Nerven braucht.

St-Pedali: Versteigern sie alle Räder, die bei ihnen angeliefert werden?
Heitmann: Nein, ein Teil geht an gemeinnützige Einrichtungen wie die internationale Jugendhilfe. Dort arbeiten straffällig gewordene Jugendliche an ihnen. Das hilft bei der Integration von Problemfällen.
St-Pedali: Wie hoch war das Sieggebot für das teuerste Rad, das sie versteigert haben?
Heitmann (antwortet blitzschnell): 900 Euro, ein Mountainbike.
St-Pedali: Und wie hoch ist der Durchschnittspreis?
Heitmann: Rund 50 Euro.
St-Pedali: Gibt es typische Bieter?
Heitmann: Oft sind Kinder mit ihren Eltern da und suchen ein Rad für die Freizeit oder Schulweg. Es gibt aber auch Bieter auf Schnäppchenjagd, die ersteigerte Räder mit Gewinn weiterverkaufen wollen - zum Beispiel auf dem Flohmarkt. Dazu Studenten, die ein billiges Transportmittel brauchen.
St-Pedali: Welche Bieter machen am meisten Spaß?
Heitmann: Kinder, ganz klar. Sie dürfen mit Mamas oder Papas Erlaubnis mitbieten. Und wenn sie mit glänzenden Augen auf ein kleines Mountainbike oder BMX steigern, behalte ich die genau im Auge. Das macht große Freude, besonders wenn sie den Zuschlag kriegen. Dann kommt schon mal ein Freudenschrei aus den kleinen Mündern - wirklich rührend.
Auktionator Heitmann in Aktion: Versteigerung von Fahrrädern im Fundbüro
St-Pedali: Was passiert mit dem eingenommenen Geld?
Heitmann: Das fließt in die Stadtkasse.
St-Pedali: Neben den normalen Auktionen, gibt es auch noch Fahrrad-Sonderversteigerungen. Was ist der Unterschied?
Heitmann: Das sind Veranstaltungen, bei der wir besonders gute und höherwertige Räder versteigern.
St-Pedali: Wann und wo sind die?
Heitmann: Die nächste Sonder-Fahrradversteigerung ist am 13. April um 14 Uhr im Atrium beim zentralen Fundbüro. Eine weitere Auktion im Rahmen der Cyclassics auf dem Rathausmarkt am 20. August um 11 Uhr.
St-Pedali: Und die weiteren regulären Termine?
Heitmann: 27. April, 18. Mai, 8. Juni, 22. Juni, 31. August, 28. September, 12. Oktober, 9. November, 23. November und 7. Dezember. Aber bitte immer kurzfristig im Internet kontrollieren. Einige Versteigerungen finden unter Vorbehalt statt.
St-Pedali: Herr Heitmann, vielen Dank für dieses informative Gespräch.

Dann geht er aufs Podium und beginnt pünktlich um zehn Uhr mit der Auktion. Für mich war es die Auktionsnummer vier, auf die ich dieses Mal spekuliere. Ein weinrotes Kaufhaus-Rennrad von Fischer. Es sieht ganz gut erhalten aus. Kann ich ein Schnäppchen machen? Heitmann feuert los: "Fünf, zehn, 15, 20...., 40..." Die Gebote werden rarer. "50! Jemand mehr als 50? 50 zum Ersten, 50 zum Anderen... ." Schnell hebe ich die Hand. "55! Da sind 55." Heitmann zeigt auf mich. "55 zum Ersten, zum Anderen und zum Letzten." Ich habe den Zuschlag. Ein fast fahrbereites Rennrad für 55 Euro. Nicht schlecht. Klar, gut 100 Euro muss ich noch investieren, um aus der Fundsache ein echtes Schmuckstück zu machen. Aber das ist okay. Ab zum Schalter, bezahlen, Quittung an der Abholung vorlegen und Rad mitnehmen, fertig. Ich bin rechtmässiger Eigner einen weiteren Rades. Für 55 Euro!



Und wie Heitmann im Original klingt, hört Ihr hier:

1 Kommentar:

  1. Hallo! Vielen Dank für den Interview und auch das Transkript!
    LG
    Carlos

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