Samstag, 14. April 2018

Aus dem Fuhrpark XVIII: Hercules ist ein Zwerg

Zu Weihnachten habe ich mir selbst ein kleines Geschenk gemacht: Seit ein paar Tagen gehört das seltene Hercules Auto Velo zu meinem Fuhrpark. Herzlich willkommen! Hier dann gleich mal die Kurzvorstellung dieser 70er Jahre Kuriosität.
Da steht es nun, das kleine Kofferraumrad: zwei 16 Zoll kleine Räder, lange Sattelstütze, Geweihlenker und ein eigentümlicher Rahmen mit ovalisiertem Doppelrohr mit roter Lackierung. Ein ziemlicher cooler Anblick mit jeder Menge Vintage-Charme. Kein Wunder, denn das Auto Velo wurde von 1970 bis 1975 von den Hercules-Werken in Nürnberg produziert und ist eine technische Spezialität.

Denn genau genommen ist es weder ein Klapp-, Falt- noch ein Steckrad, sondern ein "Schieberad". Nein, nicht weil man das Velo überwiegend schiebt (obwohl das angesichts Größe, Geometrie und Gesamteindruck ziemlich nahe liegt), sondern weil sich Lenkrohr samt Vorbau, Lenker, Gabel und Vorderrad nach Lösen eines Hebels zwischen den beiden Hauptrahmenrohren verschieben lässt. Dadurch verkürzt sich der ohnehin schon kleine Radstand erheblich und macht das Bike sehr kompakt. Dazu klappt der Lenker wie beim Brompton seitlich nach unten und die Sattelstütze fährt sehr tief ein.

Auf diese einzigartige Weise wird das Auto Velo ähnlich kompakt wie ein Bickerton (76x51x23 cm), di Blasi (80x63x26 cm) oder Brompton (57x58x27 cm). Es passt in fast jeden Kofferrraum, darf als Gepäckstück im ICE oder Flugzeug mitreisen. Eigentlich ist es damit ein hochaktuelles Pendlerbike. Ob die Patentrechte abgelaufen sind, weiß ich leider nicht. Aber das Konzept könnte eine Neuauflage vertragen.

Störend an der ganze Sache ist nur das hohe Gewicht. Mit rund 15 Kilo wiegt das Rad ähnlich viel wie ein modernes 28er Reiserad aus Alu. Nun, Hercules hat das Teil ziemlich massiv ausgeführt und leider vergessen, was Leichtbau ist. Vielleicht einer der Gründe, warum das Ding nach rund fünf Jahren wieder vom Markt verschwand. Auf jeden Fall ist es ein Kind des Autobooms; Fahrräder waren von der Motorisierungs-Euphorie der Wirtschaftswunder-Jahre verdrängt worden; der eigene Pkw zum Statussysmbol der Mittelschicht aufgestiegen. Mit ihm machte zweitgleich die autogerechte Stadt Karriere. Fahrräder wurden in Gestalt ihrer Klappvarianten quasi zum Autoasseccoire abgestuft. Das Hercules Auto Velo trägt seine (traurige) Bestimmung ja sogar im Namen.

Wie kommt man nun an so einen kleinen Schatz. Wie so oft war es eine Kleinanzeige, in das Auto Velo angeboten wurde: "Wenig benutzt und mit Originalkoffer", stand und setzen meine sammelleidenschaft in Flammen. Also sofort die Berliner Nummer gewählt. Nach vier Mal klingeln meldet sich eine Frau und reißt mich herbe aus meinen Träumen: "Ach aus Hamburg wollen sie kommen? Dann aber bitte heute", verlangt die verkäuferin und ergänzt ein bedrohliches "es haben schon soooo viele Interessenten angerufen...".

Ich glotze auf die Uhr. Es ist früher Nachmittag. Draußen regnet es und ich muss noch die Kinder aus der Kita holen. Heute noch nach Berlin? Nein, das ist nicht zu schaffen. Ich rufe die Frau nochmals an, sage ihr zu, dass ich das Rad auf jeden Fall nehme und biete ihr an, gleich das Geld dafür zu überweisen. "Nein, nein, das möchte ich nicht. Sie können das Rad leider nicht haben." Mist, Mist, Mist. Nur schwer finde ich mich mit dem Gedanken ab, mir kein Auto Velo zu Weihnachten zu schenken. Wieder ein trauriges Kapitel im verzweifelten Buch der verpassten Kaufgelegenheiten.

Dann fällt mir ein, dass ich ja einige Leute in Berlin kenne. Und sogar Leute, die man spontan um einen merkwürdigen Gefallen bitten kann. Zum Beispiel Tina. Tina wohnt und arbeitet in der Hauptstadt, eine überzeugte Prenzelbergerin. Tipp, tipp, tipp, tut tut tut... - "hallo hier ist Tina", trompetet es aus meinem Hörer. Zu erst den nötigen Smalltalk: "Wie geht's? Habt ihr gutes Wetter? Was macht der Job?" Dann die flehende Bitte: "Du Tina, hast Du heute noch Zeit....?" Schweigen! Könntest Du was für mich im Norden von Berlin abholen? Immer noch schweigen. Hoffnung keimt auf. Tina liebt Fahrräder. Und Tina macht auch Unmögliches wahr. Tina räuspert sich und holt Luft. Freude weicht Verzweiflung: "Du, ich bin in Kiel, fahre erst in ein paar Tagen zurück", sagt sie mit schwerer Stimme.

Eigentlich mag ich Kiel, habe sogar zwei Jahre an der Förde gelebt und die Borowski-Tatorte sind mit die Besten. Aber jetzt hasse ich Kiel. Dieses blöde Küsten-Kaff. Warum muss Tina ausgerechnet heute da sein? Und warum hat die Ostsee das Nest nicht schon lange überflutet? Wir haben doch Klimawandel oder? Dann, ja dann, wäre Tina heute in ihrer muckeligen Prenzelberg-Altbauwohnung und nicht am falschen Ort.

Abgehakt! Aber mein Hirn arbeitet weiter. Ich kriege Kopfschmerzen. Wer ist noch in Berlin? Carsten? Nee, nicht mehr. Und selbst wenn, Carsten hätte bestimmt Besseres zu tun als ein Wirtschaftswunder-Stahlgebilde mit Pedalen aus einem EFH-Keller am Rande von Berlin abzuholen. Thorsten? Ja, Thorsten! Dem habe ich doch mal Kinderfahrräder nach berlin chauffiert. Als Gegenleistung gab es einen Kasten Premium-Bier. Also Thorsten ist ein guter Kandidat. Und Thorsten ist sofort in der Leitung als ich ihn anrufe. Doch dann wieder Enttäuschung: "Nee, das ist sehr weit weg von meiner Wohnung. Kein Auto, komplizierte S-Bahn-Verbindung..." - okay, ich will Thorsten nicht weiter quälen. Thorsten hat eben auch noch nie was von einem Auto Velo gehört.

Bleibt Fabian. Fabian? Klar Fabian. Fabian gehört zu jener Sorte Freunden, denen kein Umweg zu weit ist. Fabian wohnt zwar bei hamburg, pendelt aber regelmässig mit dem Auto zur Arbeit nach Berlin. Tipp, tipp, tipp - Mist, nur Mailbox. ist bestimmt in einem Meeting oder so. Aber seine Frau ist meistens gut erreichbar: "Hallo Laura, ist Fabian gerade in Berlin?" "Nee, ist morgen." Verdammt, das gibt es doch nicht. Aber Laura ist ein Engel und verspricht, einen Boten aufzutreiben. Die klate Hoffnung wird wieder wärmen.

Was folgt ist ein längerer Dialog von WhatsApp-Nachrichten: "Meine Freundin macht das, kann aber erst später am Abend." Das ist leider zu spät. Also soll ihr Mann einspringen. Der ist aber momentan nicht erreichbar. Ich blicke auf die Uhr. Es ist halb fünf am Nachmittag. Die zeit rennt mir weg.

Und dann schießt es mir in den Kopf: Thomas! Thomas ist ein Fotograf den ich seit der Wende kenne und schätze. Und Thomas hat eine ausgeprägte Fahrrad-Macke. Und er wohnt seit Ewigkeiten in Berlin. Tatsächlich passiert doch noch ein kleines Weihnachtswunder. "Hallo, was kann ick für Dich tun", fragt Thomas mit einem hauchfeinen Berlin-Slang. "Du könntest für mich eine kleine Fahrrad-Antiquität abholen und bezahlen." "Klar, mach ich. Schick die Adresse, dann fahre ich gleich los." Wahnsinn, Thomas ist der Retter des Auto Velo. Was für ein Glück. Sofort funke ich ihm die Adresse und melde mich danach bei der Verkäuferin: "Abholer ist auf dem Weg und in einer Stunde da." Der deal über rund 300 Kilometer ist perfekt. Zwei Stunden später schickt Thomas ein Foto vom Auto Velo, das jetzt in seinem Kofferraum liegt. Heilg Abend kann kommen.

Zwar dauert es noch ein paar Wochen, bis das Bike sein neues Zuhause erreicht. Aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude. Als Shuttle-Fahrer kommt dann doch noch Fabian zum Einsatz, der das Auto Velo bei Thomas abholt. Solche Freunde machen einfach Freude. Danke Jungs! Euer Einsatz hat sich gelohnt.

Denn auf der Straße habe ich noch nie ein Auto Velo gesehen, nur in Museen wie Räder unter Reet bei Elmshorn oder beim Radherren in Abenberg. Kein Wunder, denn was die Fahreigenschaften angeht, so bekommt das kleine Rad damals wie heute mehr Kritik wie Lob. "Nur für Kurzstrecken geeignet", ist eine der gängigen Beschreibungen.

Nun ja, was sonst. Ein Koffrraumrad will ja nur vom Parkplatz in die nächsten Innenstadt oder zum Festivalgelände gefahren werden. Und dafür ist es ziemlich gut geeignet. Ach, was schreibe ich? Schlechter als mein Bickerton fährt es sich auf keinen Fall. Auf Strecken bis fünf Kilometer lässt es sich anständig cruisen. Klar, man sitzt aufrecht und normalgroße Menschen treten in eher angewinkelter Beinhaltung. Aber wenn schon! Mich begeistert die konstruktive Idee des Auto Velo und könnte mir eine moderne Neuauflage in Alu oder gar Carbon als echtes Luxus-Minibike für den Porsche-Kofferraum gut vorstellen. Also Zuffenhausen, übernehmen Sie!

4 Kommentare:

  1. Hallo,
    schöner Bericht. Ich habe auch ein Autovelo, magst Du mir dazu eine Frage beantworten ? Bei meinem sind die Pedale quasi nur 4cm über der Grasnarbe, "normale" 20 Zoll Klappis liegen bei ca. 10cm. Damit kann ich eigentlich gar nicht richtig fahren ohne das die Pedale ständig über dem Boden kratzen. Kannst Du was dazu sagen ?
    Gruß
    Nikel

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  2. Hallo Nikel,
    das ist mir noch negativ aufgefallen. Ich fahre aber auch nur Kurzstrecken damit. Bauartbedingt sind die Pedale in der Tat sehr tief, zumindest in der 12/6-Uhr-Stellung. Bei Kurvenfahrten und Straßenunebenheiten am besten Pedale in 3/9-Uhr-Stellung bringen ubnd rollen lassen... Gruß Jörg

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  3. Interessanter Artikel über ein ... interessantes ... Fahrrad.

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  4. Hallo,
    ich arbeite grade ein Hercules Auto Velo auf und habe das Problem das die Kabelzuführung zum Scheinwerfer vorne bei diesem Rad "zerlegt" ist und ich keine Ahnung habe wie das Kabel im Original verläuft und an welcher Stelle ein Kontakt vom hinterem Rahmen zum Vorderen hergestellt wird, sollten Sie das Auto Velo noch besitzen und einen Blick in den Schiebemeachnismus werfen können, um mir damit auf die Sprünge helfen zu können, wäre ich total froh!
    winterliche Grüße aus dem Ruhrgebiet & Glück auf!
    Thorsten Bösmann

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