Dienstag, 1. April 2014

Pankt Saulopoly Ghetto Crit: Radrennen im Untergrund

Laut stampft Hip-Hop über das alte Firmengelände. Ein aggressiver Sound. Klagemusik einer benachteiligten Subkultur. Wütend prallt er gegen Backsteinwände und wabert weiter durch finstere Gassen. Es riecht nach verbranntem Holz, Bier und Schweiß. Aus einer Tonnen lecken Flammen an der Dunkelheit. Endzeitstimmung wie im Film "Die Klapperschlange". Bronx? 8 Mile Detroit? South Central LA?

Mitnichten? Die surreale Szene spielt mitten in Hamburg-Altona. Auf dem Gewerbeareal im Zentrum der Stadt findet das Ghetto Crit der Sankt Paulopoly Alleycat statt. Die Szene liebt den US-Slang. Crit ist nichts anderes als ein Kriterium, also ein Radrennen auf einem Rundkurs. Nur das eben nicht um einen Kirchturm mit normalen Rennrädern ausgetragen wird, sondern mit Fixies in einer Ghetto-Atmophäre. Mehr noch: Die Königsdisziplin heißt "Brakeless" - also Maschinen komplett ohne Bremsen. Verzögert wird einzig durch die starre Nabe. Wem das nicht geheuert ist, startet mit Freilauf, Schaltung und Bremsen in einer eigenen Kategorie. 

Ausgeschrieben war das Ganze via Facebook und stieß dort auf große internationale Resonanz. Schon am Nachmittag rollte beispielsweise ein mit der Rolle lackierter Mercedes W 123 in Strechversion aus Holland samt Anhänger durch die Stadt. Auf dem Trailer stapelten sich die Rennräder für das Ghetto Crit. Wer von so weit anreist, hat Ambitionen. Und es zeigt, wie bedeutend das Ghetto Crit für die Fixie-Szene ist. Zusammen mit der Alleycat steigt das Pankt-Saulopoly-Wochenende nun endgültig zu den wichtigsten Veranstaltungen für Starrgang-Fans in Europa auf.

Der offizielle Startschuss für die Fixie-Festivitäten fällt um 19 Uhr vor den Deichtorhallen mit Start der Critical Mass. Rund 1000 Fahrradfahrer versammeln sich zwischen Spiegel-Zentrale, ZDF-Studio und Abendblatt-Highflyer - einer der bislang stimmungsvollsten Treffpunkte der monatlichen CM-Ausfahrten. Ungewöhnliche viele Single-Speed-Räder und Fixies sind dieses Mal dabei. Kein Zweifel: Pankt Saulopoly hat viele, viele auswärtige Teilnehmer nach Hamburg gebracht.

Durch Wallringtunnel, Innenstadt geht es nach Winterhude und weiter über Alsterdorf Richtung Altona. Pünktlich zum Crit-Rennstart erreicht die CM den Austragungsort in der Friedensallee. Schnell löst sich die Masse auf; es bleibt der harte Kern. Und der bekommt einiges geboten. Denn wie die Rennfahrer über den winkligen Kurs düsen, verdient großen Respekt. Das ist Rennsport pur. Denn es geht nicht nur um scharfe Ecken und fiese Schikanen, sondern die Räder müssen auch über tückische Bodenwellen und Schlaglöcher gelenkt werden. Und das - wie erwähnt - ohne Bremsen.

Starke Strahler tauchen die Schlüsselstellen in gleißend helles Licht. Flatterndes Trassierband hilft bei der groben Orientierung. Noch ist keiner Zusehen. Doch dann schießt plötzlich der Führende um die Ecke. Er treibt das Rad mit starker Schräglage aus der Kurve auf die Gerade, beschleunigt sein Fixie mit kraftvollen Bewegungen und schießt mit Wahnsinnstempo haarscharf an einem geparkten Auto vorbei in die nächste Linkskurve. Dort treibt es ihn weit nach rechts ganz dicht an die Fabrikmauer. Mit zehn Meter Abstand folgen zwei Konkurrenten und kämpfen ehrgeizig um Positionen. Start-Ziel liegt in einer engen Gasse. Links ein eisernes Tor, rechts parkt gleich ein halbes Dutzend Citroen DS einer französischen Oldtimer-Werkstatt. Ob der Betreiber weiß, wie teuflisch nah die Rennfahrer den Göttinnen kommen?

 All das passiert verblüffend leise. Anders als bei normalen Rennräder sind weder Freilauf-Klickern und Schaltgeräusche noch Bremsenschleifen zu hören. Fixie-Rennen sind lautlose Rennen -faszinierend. Auf den Geraden erreichen die Schnellsten Geschwindigkeiten von 35 km/h und mehr.

Und nicht nur selbstgebaute Stahlrenner kommen zum Einsatz, sondern auch edle Maschinen aus Kohlenstoff von Kultfilmen wie 8bar aus Mailand. Kein Zweifel: Trotz der Untergrundatmophäre ist dieses Ghetto Crit ernster Rennsport. Trotz Hip-Hop und Lagerfeuer.

2 Kommentare:

  1. äh … "edle Maschinen aus Kohlenstoff von Kultfilmen wie 8bar aus Mailand"?

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  2. Danke für den Hinweis. Gemeint sind natürlich "Kultfirmen" und nicht Kultfilme. Manchmal wird es halt spät....

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