Dienstag, 30. Juni 2026

River Rides III: Von der Seevemündung zur Quelle. Oder: Fahrrad statt Ferrari

Merida statt Amalfi: Glutfahrt auf dem Crossbike

Vor der Tür steht ein Ferrari, ein Amalfi. V8-Biturbo, 640 PS, 3,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Yeah, das Wochenende kann kommen. Statt Ferrari entscheide ich mich fürs Fahrrad. Zeit für den nächsten River Ride. Folge III: die Seeve.

In meiner beruflichen Karriere durfte ich viele Supersportwagen testen. Auch mehrere Ferraris. Geniale Maschinen. Kunstwerke auf Rädern - optisch wie technisch. Heiligtümer für PS-Fans. Nun liegt da ein großer gelber Schlüssel mit Cavallino Rampante auf dem Tisch. Er gehört zu einem türkisfarbenen Amalfi auf unserem Parkplatz. Der Tank ist voll, der Motor noch warm, die Straße trocken. Worauf warte ich? Doch irgendwann ist genug. Es muss nicht immer Vollgas sein.

Seevemündung bei Wuhlenburg
Darum lasse ich den Boliden stehen und setze mich auf mein altes Merida Crossbike aus Stahl. Fahrrad statt Ferrari. Ganz ohne Co2 und Klimaanlage. Und das an einem Wochenende mit neuen Hitzerekorden. "An mehreren Wetterstationen im Norden wurden 40 Grad gemessen", tönt es aus dem Radio am Montagmorgen. So heiß war es im Juni noch nie. Und Autos wie der Ferrari Amalfi sind daran nicht ganz unschuldig. Auch mein ganz persönlicher Carbonfootprint ist nicht der beste. Unter anderem wegen zahlreicher Fahrten in Porsche, Lamborghini, Ferrari und Co.

Und irgendwie ist es so, als müsste ich dafür heute leiden. Payback per pedale? Nee, nee, Wiedergutmachung für vergangene Umweltsünden geht irgendwie nicht. Passiert ist passiert ist passé. Das Abgas ist in der Atmosphäre. Also bestenfalls Buße auf dem Bike. Selbstgeiselung? Im Gegenteil! Trotz Gluthitze soll es ein interessanter Tag werden.

In den Morgenstunde quere ich die Elbe und folge ihr stromaufwärts am Südufer. Der große Fluß hat heute was von Missisippi. Majestätisch mäandern die Fluten Richtung Meer. Gerade ist ablaufende Tide. Buhnen und Steinschüttungen prägen das Ufer, nur um in ein paar Stunden mit der Flut wieder abzutauchen. Aus den breiten Schilfgürteln könnten jederzeit Tom Sawyer und Huck Finn mit zerissenen Hemden heraustreten, so idyllisch, ja fast kitschig wirkt die Szenerie. Zumindest wenn man etwas Phantasie mitbringt. Oder ist es die Hitze? Denn bereits um zehn Uhr ist es über 30 Grad heiß.

Seevebrücke in der Nähe von Hörsten
In Wuhlenburg verlasse ich den Deichverteidigungsweg und quere eine der ersten Aluminiumfachbrücken Norddeutschlands. Sie ist Teil des Seevesperrwerkes und 2016 gebaut worden. Ab hier folge ich der Seeve so ufernah wie möglich. Schon die ersten Meter beginnen in der unteren Seeveniederung mit einem Highlight. Denn ich rolle durchs sogenannte Junkernfeld. Das ist berühmt durch seinen großen Schachblumenbestand, wie ich durch eine Infotafel erfahre. Erstens wusste ich bis eben nicht, was Schachblumen sind. Zweitens nicht, dass hier eines der größten Vorkommen Deutschlands ist. Drittens nicht, dass viele Naturliebhaber deshalb herkommen. Und viertens wusste ich auch nicht, das Schachblumen im April blühen. Reisen bildet. Folgendes ist vorgemerkt: April 2027, Radtour zur Schachblumenblüte im Junkernfeld.

Wie so oft werden die Schönheiten entlang des Flusses mit offiziellen Radtouren vermarktet. Der Seeveradweg führt aber nicht immer direkt am Wasser entlang, sondern auf Umwegen zu Sehenswürdigkeiten wie der Kunststätte Bossard. Heute nicht mein Ding. Ich will zur Quelle. Und zwar ufernah und das bedeutet, dass ich unter dem Rangierbahnhof Maschen hindurch muss. Wieder so ein Superlativ. Die Gleisanlagen sind die größten ihrer Art in Europa (und zweitgrössten der Welt). Ein dunkler und spukiger Weg begleitet die Seeve mehrere hundert Meter weit unter dem üppigen Schienensystem hindurch. Die Brückendecke ist so flach, dass ich mich ducken muss. Und es ist dunkel. Ich schalte sogar mein Licht ein. Zum Glück ist das Merida mit einem Nabendynamo bestückt.

Kanuspaß südlich der Horster Mühle
Plötzlich flattern aufgeschreckte Tauben durch diese künstliche Höhle. Zwischen den Rangiergleisen führen regelmässig Betontreppen ans Licht. Einige dieser Ausstiege werden durch rostige Eisentore gesichert. An ihnen kleben vertrocknete Äste, Blätter und anderes Treibgut. Bei Hochwasser scheint hier alles überflutet zu werden. Es ist kühl und riecht muffig. Keine Durchfahrtsverbotsschilder oder keine Zäune. Ein Wunder, dass dieser Weg nicht gesperrt ist. Ich bin froh als ich südlich des gespenstischen Tunnels wieder ins Helle komme. Der ausgeschilderte Teil des Seeveradwegs führt auch nicht hier entlang, sondern nimmt einen Umweg um den See im Großen Moor und unterquert den Rangierbahnhof auf einer öffentlichen Straße.

Maschen passiert die Seeve durch eine offene Wiesenlandschaft. Im Hintergrund ist schon die BAB 1 mit ihrem dichtem Verkehr erkennbar. Gemeinsam mit der Seeve unterquere ich die mit täglich 130000 Autos fequentierte achtspurigen Autobahn. Durch eine Wegelabyrinth links von Maschener Kreuz und Hortser Dreieck erreiche ich den Ort Lindhorst. Kaum zu glauben, dass hier gleich zwei wichtige Autobahn-Knotenpunkte in unmittelbarer Nachbarschaft liegen. Ein einsamer Feldweg bringt mich direkt unter ein massives Viadukt, über das das die BAB 7 die Seeve überbrückt. Eine Sackgasse. Es sei denn, ich wate durch den Fluss. Der ist etwas mehr als knietief, die Strömung moderat.

Typischer Heide-Trail
Also, als erstes Schuhe ans andere Ufer tragen, dabei Gewässergrund abchecken und danach das Rad Huckepack vorsichtig übersetzen. Funktioniert ohne Vollbad. Naben und Antrieb bleiben trocken - ein echtes Mikroabenteuer. Der Seitenwechsel soll sich lohnen. Denn eingezwängt zwischen A1 und A7 liegt hier der See im Horster Moor. Ich weiss nicht, wie viele Mal ich schon nur wenige Meter an diesem idyllischem Gewässer auf den Autobahnen entlang gefahren bin. Zu sehen ist der See von der Betonpiste aus nicht. Er versteckt sich gekonnt hinter dichten Nadelbäumen. Und das Beste: Er lässt sich mit dem Crossbike prima auf einem Trail umrunden. Einzig zwei einsame Angler sitzen am Ufer und grüßen freundlich. 

Keinen Kilometer weiter gleich der nächste Höhepunkt: die Horster Mühle. Ein toller Biergarten direkt an der Seeve. Er öffnet erst um 17 Uhr. Noch ist nichts los. Nur ein paar Kinder spielen im Fluß neben dem Wasserrad, das Strom erzeugt und darüber auf einer Digitalanzeige informiert. 0,0 kw steht da. Also nichts. Kein Strom aus dem Strom. Druck macht die Seeve genug. Warum nicht auch elektrischen Saft, bleibt das Geheimnis der Mühlenbetreiber. Hoffentlich nicht nur "greenwashing", das Ding.

Ein gut fahrbarer Trail führt von nun ab direkt an der Seeve entlang. Er verödet schließlich zu einem Trampelfahrt, auf dessem Untergrund es nur mühsam vorwärts geht. Aber die Aussicht ist gut. Rechts und links eine offene Wiesenlandschaft, mittendrin die Seeve, die wie eine lange Schlange im grünen Gras liegt. Dann entdecke ich ein Schild: "Bargkamp", steht da. "Schulungszentrum des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder." Der Ort wird unvermittelt zur Memory Lane. Denn hier war ich mal als Junge, so rund 50 Jahre her, und habe gelernt, wie man Jurten und Kothen aufbaut, Feuer macht und zur Gitarre Lieder singt. Und Bachforellen habe ich in der Seeve gefangen, mit einer einfachen Schnurr und Regenwurm. Meine Gedanken sind heftig im und am Fluss.

Aber klar denken, fällt momentan schwer. Es sind 37 Grad, kaum Wind und auf den Straßenpassagen ohne Baumschatten steigt vom schwarzen Asphalt eine Gluthitze wie von einer Kochplatte nach oben. Trinken Jörg! Viel trinken! Dummerweise sind die Flaschen leer und müssen dringend nachgefüllt werden. Darum biege ich in Jeseteburg ab zum Famila Supermarkt. Der ist gut klimatisiert und hat Bananen sowie Müsliriegel im Regal. Beides gibt mir frische Energie. Und eine rote Dose aus dem Kühlregal. Fast nichts ist schöner als eine eiskalte Coca Cola in einem heißen Land. Boah ey, das war jetzt richtig und wichtig. 

Infotafel in Wehlen. Die echte Quelle liegt noch etwas entfernt
Schnell noch die beiden Flaschen mit Wasser aufgefüllt und weiter geht's! Über den Seevekamp und die Seevestraße geht es Richtung Süden nach Inzmühlen. Ich bin inzwischen tief in die Lüneburger Heide vorgedrungen. Die Wald- und Reitwege werden immer sandiger und damit zunehmend mühsamer zu fahren. Der weiche Boden und die inzwischen "nur" noch 35 Grad saugen mir die Energie aus den Beinen. Ich muss immer wieder pausieren und trinken, trinken, trinken. 

Dann erreiche ich das Haufendorf Wehlen. Es ist quasi der Quellort der Seeve, was auch ein entsprechendes Schild verkündet. Mehr als ein Graben unter Bäumen ist nicht zu erkennen. Zeit für ein erfrischendes Bad in der Seeve, um neue Energie für den Schlußspurt zu tanken. Die Abkühlung tut gut und gibt mir Kraft für die letzten Kilometer. Denn in gleich mehreren Kartenprogrammen liegt die echte Seevequelle noch etwas weiter südlich im Wald. Über schmale Sandwege fahre ich tiefer in den trockenen Heidewald. Ich bin alleine unterwegs; das wirkt etwas "unreal". Diese grandiose Natur nur für mich? Scheint so! 

Ich passiere eine fast ausgetrocknete Wasserfläche. Dieser Minisee soll lauten Kartenprogramm zur Seeve gehören. Noch ein kleines Stück bis zur der Stelle, auf der in den Karten ein schmaler blauer Strich den Start des Flusses markiert. Hier muss es sein: eine kleine Niederung mit flacher Vegetation. Wasser ist aber nirgends zu sehen, eher Sand und mit etwas Einbildung eine schmale Furche in der bodennahen Flora. Das muss sie sein, die ganz junge Seeve. Zumindest wenn es viel regnet. Jetzt aber ist hier nur Sand zwischen den Pflanzen. Quelle erreicht, Mission erfüllt. 

Hier soll sie laut Kartenprgramm sein: die Seevequelle. Alles sandig
Über stark bewachsene Waldwege kämpfe ich mich nach Wintermoor zur Bahnstation. Das Wetter kennt noch immer keine Gnade. Immer noch 35 Grad und ich fühle mich superschlapp. Langsam rolle ich in den leeren Ort. Die Regionalbahn hat Probleme. Durch die Hitze fallen Züge aus. Meiner hat über eine Stunde Verspätung. Das Gleiche in Buchholz. Eine weitere Stunde Verspätung wegen Zugausfällen. Das nervt. Erschöpft, aber zufrieden erreiche ich erst abends mein Zuhause. Morgen nehme ich den Ferrari!






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