Dienstag, 28. Juli 2020

StadtRad Hamburg, Du bist der Frankenstein bei Call-a-Bike


Früher ganz selten, heute zu oft: demoliertes StadtRad Hamburg. Hat die gehackte App schuld?
Eigentlich soll StadtRad Hamburg ja das Aushängeschild von Deutschlands führendem Sharing-Fahrrad-Anbieter Call-a-Bike sein. Doch was ich jetzt erleben musste, ist eine herbe Enttäuschung. Da funktioniert leider nur wenig. Ein offener Brief ans einst geliebte StadtRad.
Liebe rotes StadtRad, was warst Du nur für ein stolzes Mobilitätsprojekt. Mit großen Ambitionen bis Du gestartet. Und hast Wort gehalten: jede Menge Ausleihstationen, ein ambitioniertes Wachstumsprogramm, die besten Nutzerzahlen in Deutschland, gut funktionierende Leihräder im markanten Hamburg-Design, eine Lastenrad-Offensive und bei offiziellen Anlässen durftes Du sogar Exbügermeisterundvielleichtbaldkanzler Olaf Scholz von A nach B bringen. Kein Zweifel: Du warst zu Recht stolz auf Dich.
Der Stolz von Call-a-Bike: Die leuchtendrote StadtRad-Flotte. Doch das gute Image kriegt hässliche Risse
Momentan rückt Dich sogar eine mehrere Millionen schwere Fahrradkampagne der Stadt Hamburg immer mal wieder ins Rampenlicht. Gute bezahlte Werbeleute der Staragentur JvM machen Reklame mit Dir und für Dich. Das ist toll.

Aber was ist mit uns? Alles vorbei? Seit Deiner ersten Stunde bin ich ein großer Fan von Dir. Viele, viele Kilometer habe ich auf Dir und Deinen Brüdern und Schwestern zurück gelegt. Es ist noch nicht lange her, da bekams Du ein Facelift und wurdest moderner. Dein Display wanderte vom Hinterrad nach vorn an den Lenker. Alles schien nun noch besser und schöner zu werden.

Wirklich?

Nein, was Du mir jetzt antust, gefährdet unsere Beziehung. Wir haben eine ernste Ehekrise. Und nein, ich bin es nicht, der sich von Dir trennt. Du bist es, der die Scheidung eingereicht hat. Und zwar am 17. März 2020. An diesem Tag habe Deine Erzeuger fatalerweise entschieden, Dir ein System-Update zu verpassen. Ab da bestands Du ja unbedingt auf eine eigene App und wolltest nichts mehr mit Call-a-Bike zu tun haben. Eigentlich kein großes Ding. Doch seit diesem Datum läuft es nicht nur zwischen uns nicht mehr rund. Auch gute Freunde berichten mir, dass Du Dich verändert hast. Und zwar zum Negativen. Warum, frage ich Dich, warum machst Du das mit uns?

Mehrfach habe ich versucht, Dich zu verstehen und wieder zu Dir zu finden. Ich habe mich neu in Deiner App registriert, das Zahlungsmittel aktualisiert, alles genau so gemacht, wie Du es verlangst. Alles vergeblich! Du willst mich nicht mehr kennen, verweigerst mir konsequent den Zugang zu Deinen Brüdern und Schwestern.
Finden wie nochmal zusammen? Cargopedelec in der Vehringstraße
Gerade gestern war es wieder soweit. Ich wollte eine Spritzteour auf dem Lastenrad 39718 machen, mit zwei kleinen Kindern, die dafür extra früher aus der Kita gekommen waren. Mit viel Vorfreude standen wir drei vor dem roten Cargobike mit der Aufschrift "Heimathafen Wilhelmsburg". Das mit der App hab ich gar nicht mehr versucht. Das klappt ja eh nicht. Aber es gibt ja noch das Telefon. Tipp, tipp, tipp - das Display reagierte, das Schloss am Hinterrad blieb aber zu. Was für ein Mist. Großer Mist! Ich war wütend und rief die Hotline an. "Miete läuft", sagt die Frau nach einer ewigen Warteschleife mit nerviger Duddelmusik. Die Kosten laufen wohl auch. "Ich kann nichts machen. Da muss ein Techniker kommen. Kontrollieren Sie ihr Konto in ein paar Tagen."

Ist das wirklich Dein Ernst? Erst App nicht nutzbar, telefonisches Schulterzucken Deiner Experten und dann klappt auch die Ausleihe per Telefon nicht mehr und für all das soll ich auch noch zahlen... Ehrlich, Du hörst von meinem Anwalt.

Warum nur must Du seit dem 17. März eigene Wege gehen? Du warst doch gut aufgehoben in der Call-a-Bike-Familie. Ich habe Leute gefragt, die Dich gut kennen. Die sagen: Du bist besonders, Du bist für Höheres geeignet, Du sollst den Weg vorgeben. Du bist das leuchtende Beispiel für die gesamte Call-a-Bike-Familie. Ich sage: Du bist ein Versuchskaninchen. Die experimentieren mit Dir. Du bist nicht der Klassenprimus, Du bist der Frankenstein bei Call-a-Bike!

Vandalismus-Opfer: StadtRad-Lastenpedelec aus Wilhelmsburg
Heute habe ich nochmals versucht, mit Dir auszugehen. Ging immer noch nicht. Also nochmals bei der Hotline versucht. Wieder diese ewige Warteshleife. Dann meldet sich in Halle Frau P. Frau P. ist sehr nett. Frau P. versucht zu helfen, zu schlichten; sie guckt sich alles auf Ihrem Computer an, findet mein Konto, ist dann aber auch ratlos. "Das ist wirklich komisch", sagt sie, verspricht die Sache zu klären und mich dann anzurufen. Echt nett, diese Frau P. aus Halle an der Saale. Da kann ich ihr gar nicht mehr böse sein als sie nach 20 Minuten tatsächlich wieder anruft und gesteht: "Ich habe Sie gefunden, aber warum sie nicht mieten können, weiß ich auch nicht." Vielleicht werde mein Konto gerade wieder gelöscht. Zumindest entstehen momentan keine Kosten, sagt sie. Ob's stimmt? Das weiß wohl nur meine Kreditkartenfirma. Die nächste Monatsabrechnung wird spannende Lektüre sein.

Liebes Stadtrad, Frau P. meint es wirklich gut mit uns. Aber wirklich helfen konnte sie uns auch nicht. Wir stecken weiter in der Krise, stehen vor der Trennung. Und nochmal: Du bist schuld. Warum musstest Du auch plötzlich auf Lastenpedelec machen? Klang erst gut, war es aber nie. Bis heute nicht. 20 Deiner elektrischen Cargo-Angehörigen sollen durch Hamburg rollen. Eigentlich. Doch das mit dem Aufladen der Batterien an den festen Lastenrad-Stationen klappt nicht. Ein Sicherungsbolzen soll Dir den Strom über Dein Schloß zuführen. Tolle Idee. Miese Ausführung. Das funktioniert einfach nicht. Statt fröhliche Familien durch die Gegend zu schippern, verbringen Deine Lastenrad-Gesellen viel zu viel Zeit in der Werkstatt. Das kostet Geld, viel Geld. Geld, dass für normale Lastenräder besser eingesetzt wäre. So wie in Norderstedt. Da macht das Nextbike so. Aber davon willst Du nichts wissen. Du bist ja das stolze Hamburg. Was hast Du Dir da nur vom Hersteller andrehen lassen?

Anleitung zum Hacken im Internet
Und dann ist da ja auch noch die Sache mit den Hackern. Die knacken regelmässig Deine Codes, manipulieren in Deiner App rum und fahren so gratis. Und nicht selten landen Deine Artgenossen irgendwo im Graben, auf Hinterhöfen oder sonstwo. Ich habe noch nie so viele Deiner Brüder und Schwestern so oft rumliegen sehen - eine Schande ist das. Und da soll Dein März-Update ein Vorteil sein. Ich lach mich tot...

Immerhin gibt es bei Deinen Aufpassern wohl einige, die die Probleme erkannt haben, trotzdem aber um den heißen Brei rumquatschen: "Es besteht ein erhöhter Reparaturbedarf durch die saisonbedingt hohen Fahrtenzahlen, mutwillige Beschädigungen von Rädern sowie technische Probleme an Schlössern", so die Sprecherin weiter. Vor allem die technischen Probleme an Schlössern „können temporär zu einer falschen Angabe der verfügbaren Räder in der App führen", das sagte eine, die Dir nahe steht der Mopo.

Ich bin also nicht allein mit meiner Kritik an Dir. Aber das ist nur ein schwascher Trost, leider. Ach, da fällt mir ein: Wie sieht es eigentlich auf Deinem Friedhof aus? Du weißt schon. Der in Maschen zwischen den Gleisen des Rangierbahnhofs. Ist da überhaupt noch Platz für weitere StadtRad-Leichen?

So, nun reicht es auch. Ich denke wir machen mal eine Trennung auf Probe. Bleibt mir ja auch gar nichts anderes übrig.

Dein trauriger Jörg


PS: Hier noch eine Sammlung meiner beliebtesten Posts zum Thema StadtRad Hamburg:

Neue Cargopedelecs

Vorstellung der neuen StadtRad-Modelle

Der Herzschlag Hamburgs wird durchs Stadtrad sichtbar

Stadtrad Hamburg wird kinderfreundlich

Zeitfahren mit dem StadtRad

Die fleißigen  StadtRad-Menschen

Das Schicksal von 9275

4 Kommentare:

  1. Hallo,
    darf ich fragen, wie sich das Thema entwickelt hat? Ist es besser geworden oder würden Sie es noch immer so schlecht bewerten?

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  2. Hallo, nein es hat sich leider noch nichts verbessert. Offenbar ist es möglich, per Hack StadtRäder frei zu schalten. Diese werden dann gerne irgendwo lieblos entsorgt. Gleiches gilt für die E-Stehroller von Bird und Co. Dem Stadtbild und auch der Sicherheit tut das nicht gut. Gruß Jörg

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    1. Hallo Jörg, das Problem ist kein Hack, diesen gibt es nicht, sondern das zu einfache und miserable Sicherheitssystem für die Anmeldung. Doch die DB will nichts ändern um es dem Kunden die Anmeldung wohl nicht zu aufwändig zu machen. Das rächt sich dann leider zum Nachteil der ehrlichen Kunden. Es werden täglich ätliche StadtRäder durch Fake Accounts und durch Angaben falscher Daten ausgeliehen und dann irgendwo liegen gelassen oder fallen dann durch Vandalismus Schäden aus. Es ist schade was aus dem damals so stolzen StadtRad geworden ist und ich befürchte das es auch nicht mehr besser wird. Das StadtRad wird von der DB Connect so zu sagen kaputt gespart.

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    2. Danke für diese Info. Das Problem hat sich leider weiter verschärft. Kaum ein Tag, an dem ich nicht mindestens ein oder mehrere "Stadtrad-Leichen" im Gebüsch, in Kanälen oder defekt auf dem Bürgersteig liegend entdecke. Traurig!

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