Montag, 27. April 2026

Wie entsteht ein Fahrradtrend?

Der von mir geschätzte Fahrradpodcast "Antritt" hat sich gerade mit dem Entstehen eines Fahrradtrends beschäftigt. Anlass sind Mountainbikes mit 32 Zoll Laufrädern, die gerade in Mode kommen (sollen). Ist das gesteuert? Und wenn ja, von wem? Von der Industrie? Oder vom Kunden? Oder alles purer Zufall?

Pasta Party von Sour: 32 Zoll Laufräder als neuer MTB-Trend?                                                                              ©Sour Cycles
Da wollte Maxxis wohl ein Ausrufezeichen setzen: Auf der Eurobike 2025 zeigte der Reifenhersteller einen MTB-Prototypen mit 32-Zoll-Bereifung. Es war mehr als ein Gag, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Denn in den Firmenzentralen der Fahrradgiganten liefen parallel Pläne, das neue XL-MTB-Maß auf dem Markt zu etablieren. Das Ganze wirkt ein wenig wie eine geheime Kommandosache. Zum Jahresende 2025 wurden Firmen wie Sour aus Sachsen mit dem Bau von Prototypen beauftragt. Anscheinend wurde hier ein neuer Fahrradtrend generalstabsmässig vorbereitet und seit Beginn dieses Jahres mit allen Mitteln der Kommunikationskunst auf die MTB-begeisterte Menschheit losgelassen.

Wie auch immer, der (scheinbare) 32-Zoll-Hype ist ein gutes Beispiel für einen Fahrradtrend. Mich treibt schon ewig um, wie so ein Trend eigentlich entsteht. Was löst ihn aus? Wer steckt dahinter? Wie funktionieren die Marktmechanismen? Gibt die Bikeindustrie Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat? Oder sind es die Nutzer, die kreativ werden, Fahrräder umbauen und so die Industrie zum handeln bringen? Wann ist ein Trend ein echter Trend und wann sind neue Fahrradgattungen nur ein kurzfristiger Hype?

Um das zu erforschen, lohnt ein Blick in die Geschichte. Denn Bike-Trends sind ja nichts Neues. Bestimmte Fahrradtypen blühten aus dem Nichts auf, hatten Hochzeiten und verschwanden schnell wieder oder blieben bis heute. In der Literatur werden drei Hauptgründe für Trend-Entstehung genannt:

1. Gesellschaftliche Faktoren und Wertediskussionen wie gesunder Lebensstil, Landflucht,                        Nachhaltigkeit und Umweltschutz.

2. Forschung und Entwicklung ermöglichen neuartige Produkte, Mobilitätslösungen, Hobbys und              Beschäftigungen.

3. Zufall und subkulturelle Phänome entwicklen sich aus der Nische und werden durch Multiplikatoren     in die Breite getragen. Dazu gehören auch Sportidole, die eine kritsche Masse nacheifern.

Das klingt abstrakt und verkopft. Mich interessiert mehr, was das ganz konkret für einzelne Fahrrad-Trends bedeutet. Welche Faktoren haben bestimmte Bike-Typen in Deutschland populär gemacht? Hier ist ein Erklärungsversuch. Ich beleuchte Fahrradtypen, denen ein Boom-Effekt zugeschrieben wird und als Trendprodukte bekannt wurden.

Hollandrad: Robust und gemütlich, das sind die beiden Haupteigenschaften, die dem Hollandrad schon seit Jahrzehnten zugeschrieben werden. Dieser relaxte Sorglos-Ruf macht es zu einem Lifestyle-Rad.  Eines, das vor allem im urbanen Raum geschätzt wird. Es überzeugt durch seine Produkteigenschaften und verschafft dem Hollandrad quasi den Status eines Dauertrends. Das Hollandrad ist technisch offenbar ein großer Wurf und scheint immun gegen Modeerscheinungen, vor allem auch deshalb, weil es quer durch fast alle Altersschichten geschätzt wird. Es spricht Frauen und Männer gleichmaßen an und ist frei von statusgetriebenem Klassendenken. Trendrad ist somit eine Untertreibung. Das Hollandrad ist vielmehr eine feste Säule der Fahrradbranche.

Auto Velo: Kofferraumrad von Hercules
Klappräder: Sie erlebten in den 60er- und 70er-Jahren eine Boomphase, die sie sogar zu mehr als einem Inprodukt machten und das Prädikat Megatrend verdienen. Auslöser waren zwei wesentliche Alltagsthemen: Erstens neigten viele Menschen in den fetten Wirtschaftswunderjahren zu Übergewicht und zweitens wuchs der Wunsch, den damals schon verstopften Ballungsräumen zu entfliehen und Freizeit im Grünen zu verbringen. Die Industrie propagierte das Klapp- und Steckrad als Schlüssel zu Gesundheit und Erlebnis. Denn es passte gefaltet oder zerlegt in den Autokofferraum. Dass man einen eigenen Wagen hatte oder anstrebte war selbstverständlich, Klappräder dazu eine ideale Ergänzung. Sie erreichten einen Marktanteil von bis zu 35 Prozent! Parallel zur Klappradwelle boomten auch Heimtrainer, die zahlreiche Gleichteile aus der Klappradwelt teilten. Hercules aus Nürnberg hatte von 1970 und 1975 sogar ein Auto Velo im Modellprogramm, dass die Zielgruppe bereits im Namen trug und in einem eigenen Hartcase für den Kofferraum geliefert wurde. Außerdem boten sie platzsparende Aufbewahrung und konnten größentechnisch von der ganzen Familie genutzt werden. Mangelnde Qualität bis hin zu technischem Versagen sorgten schließlich für ein Ende des Trends. In den 80ern ebbte die Klappradwelle spürbar ab. Ganz verschanden die Minivelos nie, was auch am Brompton liegt. Es gilt als das beste Faltrad der Welt, wurde 1979 patentiert und wird bis heute weitgehend unverändert angeboten. Dazu kamen später qualitativ hochwertige Mitbewerber von HON, Tern und das R&M Birdy. Heute sind sie zurück in der Nische mit minimalem Marktanteil.


Heilige Schrift zum Kultrad: Das Bonanza war Kult
Bonanzarad: Cooler ging's nicht. Die Bananensattel-Bikes hatten Anfang der 70er eine kurze Blüte. Für Kinder und Jugendliche war es ein "must have", ein echter Trendsetter. Es stand auf den Weihnachtsmann- und Geburtstagswunschlisten ganz oben. Dabei war es weniger der Fachhandel, der von dem Trend profitierte, sondern eher Versandhäuser wie Neckermann. Seinen Ursprung hatte das Bonanzarad in den USA. In Südkalifornien pimpten Latino-Kids Kinderfahrräder mit Motorradteilen auf. Als Fahrradentwickler wie Al Fritz von Schwinn davon erfuhren, gingen sie der Sache nach. Damals hießen sie noch nicht so, heute würde man sagen Fritz und Co agierten als Trendscouts. Schwinn brachte daraufhin das Stingray auf den Markt und landete einen Riesenerfolg. Nicht nur in den Wohngebieten der amerikanischen Westküste war das Bike omnipräsent, sondern das Stingray eroberte erst die gesamten USA, dann Kanada und der Trend schwappte schließlich über den Teich ostwärts nach Deutschland, wo es abgewandelt als Bonanzarad berühmt wurde. Es war eine Community, die den Stein ins rollen brachte, eine "bubble", eine Subkultur. Diese Form des Trendsettings dürfte die gängigste Art und Weise sein, um neue Fahrradmodelle am Markt zu etablieren. 

Mountainbike: Die Story in Kurzform - fahrradbegeisterte Hippies suchen als Ausgleich zum Rennradfahren Action in den Bergen nördlich von San Fransisco. Also bauen sie Beachcruiser um, schieben sie anfänglich die Steigungen hinauf, um anschließend ein Downhillrennen gegen die Uhr abzurocken. Schnell wurden die Fahrradumbauten besser, Schaltungen ergänzt und schließlich eigene Rahmen produziert. Das Mountainbike war geboren. Ursache: Zufall! Und als später der Chefredakteur einer deutschen Surf-Zeitschrift darauf aufmerksam wurde, importierte er das Geländeradthema nach Germany. Trendscouting in Reinkultur. Denn in Deutschland entstand blitzartig eine lebendige Szene, mit allem, was einen Megatrend ausmacht: Importeure, Hersteller, Zubehör- und Klamottenlieferanten, Zeitschriften, Veranstaltungen und, und, und... , eine Subkultur wurde zum Mainstream. Heute heißt der heißeste Scheiß E-MTB. Das Muskel-Mountainbike ist im Rückwärtsgang zurück in die Nische. Der Markt wird dominiert von elektrifizierten Bergbikes. Und die Szeneexperten streiten, ob das so alles richtig und gut ist.

Fatbike: Innerhalb des MTB-Segments fand über die Jahre eine wahnsinnige Ausdifferenzierung statt. Immer mehr Spielarten des Geländefahrades wurden angeboten: Cross Country, All Mountain, Enduro, Downhill, 29er, 27,5er.., eigentlich hätte der Markt längst satt sein müssen mit MTB für jeden Zweck. Und dann plötzlich walzt das Fatbike in die Szene und sorgt für kontroverse Diskussionen. Genial oder überflüssig? Gute Ergänzung oder Angeberrad? Erfunden in Alaska und ideal für Schneefahrten und Strandabenteuer erlebte es in Deutschland einen kurzen Hype; zu einem nachhaltigen Trend reichte es nicht. Dass die Industrie neue Fahrradtypen begeistert abfeiert, liegt auf der Hand. Neuheiten fördern den Absatz. Sie ersetzen den bestehenden Fuhrpark oder ergänzen ihn. Das ist gut fürs Geschäft. Darum trommeln Marketingexperten, wird die Presse zu Fahrvorstellungen eingeladen und Events veranstaltet. In Fall Fatbike hat all das nicht wirklich gefruchtet. Es war der Versuch, einen Trend künstlich zu erzeugen und mündete in einem Flop. Entwicklungsinvestitionen und Vertriebsanstrengungen dürften für Fatbike-Hersteller kaum eine schwarze null erwirtschaftet haben. Das Ding war wohl einfach zu speziell, um ein breit(er)es Publikum zu begeistern. Eishockey gehört ja auch eher nach Skandinavien als ans Mittelmeer. 


Brachte die BMX-Welle in den USA ins Rollen: On any sunday
Verhalf BMX zum Durchbruch: E.T. 


BMX:
Bicycle Motocross, kurx BMX, schloss quasi nahtlos an die Stingray-Welle an. Interessanterweise waren es sowohl in den USA als auch in Europa jeweils Filme, die der neuen Fahrradgattung den Weg bahnten. 1971 erschein der Dokumentarstreifen "On any sunday" mit Steve McQueen. In der Eröffnungsszene sieht man Kinder, die sich auf einer südkalifornischen Brachfläche mit Schwinn Stingrays über Sandhügel und Sandwege ein wildes Rennen liefern. Sie eiferten dabei ihren Idolen nach, die auf geländegängigen Motorrädern an den Wochenenden überall zu Wettbwerben antraten. Motocross mit Maschinen von Honda, Suzuki und Kawasaki war seinerzeit eine sehr populäre Freizeitbeschäftigung. Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist es gut zehn Jahre später ein Film, der dem BMX zum Durchbruch verhilft. Als Spielbergs E.T. 1982 die Leinwände erobert und der zehnjährige Elliott mit seinem Kuwahara BMX erfolgreich vor fiesen Regierungsagenten flüchtet, ist nicht nur die Begeisterung für den Hollywoodstreifen riesig, sondern auch für das kleine Motocrossrad. Auch in der damaligen DDR war ein Kinofilm quasi Geburtshelfer für das kleine Stuntrad. "BMX Bandits" mit Nicole Kidmann war jenseits des eisernen Vorhangs ein großer Erfolg, machte das Rad in Ostdeutschland populär und animierte Jugendliche dazu, Mifa-Klappräder zu BMX umzubaue. 
BMX Bande: Riesenerfolg in der DDR
Neben der Rolle als Fashionstatement kam hinzu, dass das BMX anders als sein Bonanzaradvorgänger als ernsthaftes Sportgerät taugte. Erst etablierte sich die Rennszene, anschließend folgte die Freestyler, die mit spektakulären Stunts begeisterten. Die BMX-Mode lies in den 90ern zwar spürbar nach, doch erst kürzlich wurde neben dem länger etablierten BMX Racing auch Freestyle zur olympischen Disziplin. Trotzdem: BMX ist eher Nische statt Masse. Vielleicht braucht es ja einen E.T. 2.0 um den einstigen Trend zu wiederholen. 




Rennrad: So wie Boris Becker einst im Tennis einen Trend auslöste war es ab 1997 Jan Ullrich, der einer Radgattung goldene Zeiten bescherrte. Mit seinem Toursieg im gleichen Jahr löste er einen Radsportboom aus, der im Freizeitbereich heute immer noch sehr spürbar ist. Geplant war da nichts. Der Ullrich-Erfolg und mit ihm der Rennradboom kam zufällig. Was zuvor anderen deutschen Profis wie Altig und Thurau versagt blieb, schaffte Ullrich. Er machte nicht Radrennfahren populär, sondern Rennradfahren. Leichte Maschinen mit Zehngangschaltung befeuerten ein ganzes Ökosystem bestehend aus Klamotten, Zubehör, Reisen, Jedermannrennen, Vereinen und natürlich Fachhändlern. Verantwortlich war hier also ein Sportheld, der den Trend auslöste. Kann das auch ein Formel-1-Profi? Nein, sein Sportgerät ist viel zu teuer. Tennis und Rennrad dagegen ist für ein großes Publikum erschwinglich. Und beim Fahrrad ist sogar die Trainingsfläche kostenlos. Ich bin sicher: Hätten wir einen neuen Jan Ullrich, er würde einen weiteren Rennradboom auslösen. Trotz ewiger Dopingdiskussionen.

Fixie/Singlespeed: Eingangräder ohne jeden Schickschnack waren ab den frühen 2000ern hipp. Sie umwehte stets der Ruf des Illegalen. Erfinder waren Radkuriere. Um Verschleiß und Reparaturen zu minimierenen wurden die Bikes auf Rahmen, Gabel, Räder, Lenker, Sattel und starren Antrieb reduziert. Das machte sogar die Bremsen überflüssig, denn verzögert wird wie bei Wettkampfrädern fürs Velodrom mit den Beinen. Die gemässigtere Variante ist das Singelspeed, das über ein Freilaufritzel und immerhin eine Bremse verfügt. Wer mit diesen abgewandelten Bahnrädern durch großstädtische Autokolonnnen donnert, erwirbt sich zwangsläufig den Ruf des Outlaws, des Verrückten mit todesmutigem Lifestyle. Genau diese Klischees bediente dann auch der Kinofilm "Premium rush", der 2012 auf die Leinwand kam und den Fixie-Trend weiter befeuerte.

B-Movie anno 2012: Premium Rush

Wiedermal ein Film also, der zumindest als eine Art Geburtshelfer für eine Fahrradgattung fungierte. Zu ihren Hochzeiten entstanden neben spezailisierten Fixieläden auch eigene Fahrradmarken wie 8bar aus Berlin. Taschenhersteller Freytag bot in seinen Filialen Fixies zur kostenlosen Ausleihe an, um zahlungswillige Kundschaft für recyclte Bags aus Lkw-Planen zu begeistern. Denn eine coole Kuriertasche gehörte zum Fixie fast zwangsläufig dazu. Weiterer Katalysator für den Trend waren gehypte Fixierennen in New York, Barcelona und Berlin. Dankbar reagierte die großstädtische Hippsterszene auf den Trend und adaptierte das Fixie als Fashionstatement. 2026 scheint es zurück in seiner Nische und lebt dort als Subkultur weiter. 



Sharingbikes: Kein Zweifel, ein Trend. Fast jede grössere Stadt hat sie. Getrieben wird der Trend durch technolgischen Fortschritt. Smartphone-Apps, digitale Bezahlsysteme und GPS ermöglichen eine schnelle Ausleihe, Rückgabe und Bezahlung. Dazu kommen die Interessen der Städte. Sie fördern Sharingfahrzeuge als Teil der Mobilitätswende, so dass wir von einem stabilen Geschäftsmodell im Sinne des Radverkehrs ausgehen können.

Cargobikes: Lastenräder liegen im Trend. Für Kinder- und Warentransport sind sie schon lange geschätzte Vehikel in der Stadt. Für den entscheidenen Push sorgte die Motorisierung der Cargobikes. Durch sie eroberte das Transportrad deutlich größere Käuferschichten und entwickelte sich zu einem großen Trend, der sich immer weiter verstärkt. Dabei sind es vor allem Innovationen wie Neigetechnik für Dreiräder, sportliche Geometrien und praktische Alltagsfeatures, die Lastenräder immer beliebter machen. Untermauert wird das Ganze zusätzlich durch gesellschaftliche Debatten über Klimawandel, Nachhaltigkeit und Mobilitätswende. Hier kommen also mindestens gleich zwei trendverstärkende Faktoren zusammen: technische Innovation und Wertediskussion.

Magazin zum Trend: Gravel Touren
Gravelbikes: Breitreifen-Rennräder für Schotterpisten sind eigentlich nichts Neues. Um fit zu bleiben fuhren (und fahren) Rennradsportler im Winter Querfeldein-Wettbewerbe. Daraus wurde neudeutsch irgendwann Cyclocross. Und dann schwappte das Wort "Gravel" aus den USA zu uns, nach dem Rennen wie "Dirty Kanza" immer populärer wurden. Ein Rennrad, das sich auch oder vor allem auf unbefestigten Wegen gut fahren lässt, entstand also aus einer einst kleinen Fangemeinde, die ihren Aktionsradius immer weiter ausdehnte, um schließlich in einem globalen Trend zu münden. Neben dem E-MTB gehört Gravel momentan zu den Megatrends der Bikeindustrie.Eine nicht unwichtige Rolle dabei spielen die Reifenlieferanten. Mit immer breiteren und besseren Produkten tragen sie erheblich zum Fahrerlebnis der Gravelbikes bei. Rollen klassische Cyclocrosser reglementsbedingt auf maximal 33 Millimeter breiten Reifen, erreichen Gravelbikes Maße von 50 Millimeter und mehr. Beim Gravelbike spielt also die Kombination aus Subkultur und technischer Innovation die entscheidende Rolle für die Entstehung des Trends.

E-Bike: Last not least das Pedelec, wie das elektrisch unterstützte Fahrrad korrekt heißt. Das pedalelectric Cycle ist in Deutschland und anderen europäischen Ländern ein Megatrend. Weit über 50 Prozent aller in Deutschland verkauften Fahrräder hat einen Motor. Anders ausgedrückt: Deutlich mehr als jedes zweite verkaufte Neufahrrad ist ein E-Bike. Tendenz weiter stark steigend. Da von einem Trend zu sprechen ist fast untertrieben. E-Bikes sorgten vielmehr für einen disruptiven Wandel der gesamten Fahrradbranche. Ein echter Gamechanger! Trendauslöser ist in diesem Fall ganz klar die technische Innovation. Gepaart mit erschwinglichen Preisen, überzeugenden Produkteigenschaften und Fahrspaß konnte sich das Pedelec auf breiter Front durchsetzen. Möglicherweise wird man in der Zukunft das Auftauchen des E-Bikes mit ähnlich bedeutenden Ereignissen wie die Ablösung des Hochrades durch das Safety bicycle in den 1870er Jahren geschichtlich einordnen. 

Bonanza 4.0: Billig-Fatbike aus China ©Aliexpress

20 Zoll-Fatbikes: Braut sich da ein Trend zusammen? Lieferando, Uber Eats, Wolt und andere Essendelivery-Dienste setzen zunehmend einen neuartigen Fahrradtyp ein: Fatbikes mit dicken 20 Zoll Rädern. Genau genommen sind es nicht die Dienste selbst, sondern die von ihnen auf selbstständiger Basis beschäftigten Auslieferungsfahrer. Diese verdienen nur einen sehr geringen Lohn und brauchen für ihre Fahrten ein schnelles und robustes Gefährt, das sich auch zügig über Kantsteine und andere Hindernisse fahren lässt. All das bieten 20 Zoll Fatbikes aus China, die zu Preisen unter 1000 Euro angeboten werden. Legal sind sie nur mit einer Abregelung bei 25 km/h, um als Pedelec und damit als Fahrrad eingestuft zu werden. In der Realität lassen sich viele dieser Fatbikes aber durch ein paar Menü-Befehle am Display oder andere Tricks ruckzuck entsperren. Dann donnern sie mit bis zu 50 km/h durch die Gegend, ohne das die Fahrer dafür ernsthaft treten müssen. Das Teil erinnert dann eher an ein Moped als an ein Fahrrad. Wen wundert es da, dass die Dinger oft auch einen Gasgriff haben? Mehr noch: Anbieter Hero Fatbikes aus Holland etwa bietet zum Fatbike gleich noch für 119,99 Euro ein Freischaltkit an. "Die Geschwindigkeit lässt sich durch dreisekündiges Gedrückthalten einer Taste... erhöhen", heißt es auf der Webseite. Damit werde ein Tempo von 45 km/h möglich. Und auf Aliexpress wird Anbieter Deepower noch deutlicher: "Nachdem sie das Fahrrad erhalten haben, finden sie einen weißen Stecker unter dem hinteren Sitz. Ziehen sie ihn einfach ab, um die Begrenzung zu entfernen und die Höchstgewchwindigkeit erhöht sich auf etwas 50 bis 55 km/h." Früher hieß das Frisieren und war bei Mofas einst sehr beliebt, in dem man hinten etwa ein kleiners Antriebsritzel montierte. Erlaubt ist das natürlich alles nicht. Und auch die massenhafte Einfuhr aus China sorgt für Schlagzeilen. Erst kürzlich wurden im griechischen Piräus 500 Container mit über 7000 E-Bikes beschlagnahmt, weil für sie keine Zollabgaben entrichtet wurden. In Holland jedenfalls werden sie trotzdem immer beliebter. Besonders unter Jugendlichen entfachten sie einen Hype. Da sich auf der Sitzbank auch ein Sozius oder eine Sozia mitnehmen lässt, sind sie zu beliebten Szenegefährten aufgestiegen. Mich erinnert der 20-Zoll-Fatbike-Trend an das, was es in den 70ern auch schon mal gab. Bananensattel, Off-Road-Appeal, cooles Image..., irgndwie Bonanzarad 2.0.

Fazit: Was in der Fahrradbranche Trend wird, hängt oft vom Zufall ab. Viel hängt von technischen Innovationen ab. Machen sie für Fahrradtypen neue Einsatzgebiete und -zwecke möglich, kann das einen Boom auslösen. Flankiert und gestützt werden neue (und alte) Bikegattungen zudem gern von popkulturellen Katalysatoren wie Kinofilmen oder Sportidolen. Kommt all das zusammen, scheint ein Trend unvermeindlich. Ich bin gespannt: Was ist das nächste große Ding? Was kommt nach dem 32er MTB? Das 30,5er? Wir werden sehen. 


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