Samstag, 23. April 2016

Rund um Sylt mit dem Fatbike: (Un)reif für die Insel


Seit ein paar Monaten besitze ich ein Fatbike von Bergamont - ein tolles Rad. Besonders weil man mit ihm überall hinkommt. Doch in Hamburg fehlt mir irgendwie das richtige Revier. In den Harburger Bergen und über den Bille-Trail bin ich mit meinem Fatty schon gefahren. Das funktioniert gut. Und vor der Eisdiele bist Du mit einem Fatbike sowieso der Star. Doch die Dinger sind ja eigentlich für Schnee gemacht. Oder Sand. Doch Lappland und die Sahara liegen mir zu weit entfernt. Und im Harz hat es diesen Winter kaum geschneit. Verdammt nochmal, wo fahren mit dem Fatbike? Dann schießt es mir plötzlich in den Kopf: Auf Sylt natürlich. Lange Strände im Westen, einsames Watt im Osten. Perfekt! Ab aufs Eiland der Millionäre. Eine Umrundung immer an der Wasserkante lang müsste an einem Tag möglich sein. Was für ein Irrtum!
Mein Plan klingt gut, finde ich. Mit der Nordostbahn von Hamburg nach Morsum und dann mit dem Fatbike ran ans Wasser und rund um Sylt strampeln,  also das Inselende in Hörnum umrunden, rauf zum Ellbogen und List, von dort zurück über Braderup, Munkmarsch und Keitum wieder zum Bahnhof in Morsum. Alles am Strand und im Watt. Das müssten am Ende des Tages rund 85, na ja, maximal 100 Kilometer sein. So weit die Theorie.

Kommen wir zur Praxis: Ich verlasse den Morsumer Bahnhof Richtung Osten und bin schon bald auf einem Landwirtschaftsweg. Dahinten muss irgendwo das Wasser sein, die Sylter Westküste. Zu sehen ist noch nichts. Nur Bäume und Wiesen. Ich fahre weiter. Dann entdecke ich einen Schilffgürtel. Dahinter liegt bleiern die Nordsee. Aber wie kommt man dahin? Kein Problem, schließlich fahre ich ja ein Fatbike. Die können alles. Also runter von der Straße und über die ruppige Wiese Richtung Schilf. Plötzlich stoppt mich kaum erkennbar ein Graben, dessen Wasser sich unter flachgedrücktem Schilfhalmen versteckt. Fast wäre ich komplett da reimngefahren. Fast!

Denn ich konnte noch bremsen und habe nun nur nasse Füsse. Na, dass kann ja noch lustig werden. Vier Kilometer bin ich gerade mal Kilometer gefahren. Vier von gut 85, und jetzt schon nasse Füsse. Aber nach dem Graben rolle ich tatsächlich durchs Wattenmeer. Aber was heißt schon rollen. Ich kämpfe! Ich trete ganz fest: links, rechts, links, rechts...  - mein Puls rast. Das ist wie ein Bergpass. Also extrem anstrengend. Nein, so habe ich mir das nicht gedacht. Watt, so meine Vermutung, müsste doch halbwegs fester Meeresboden sein. Ist er aber nicht. Das Watt verschlingt extrem viel Watt. Meine megadicken Reifen sinken zwar nicht ein, wie es bei normalen MTB-Pneus der Fall wäre, doch dafür wirken sie wie am Boden festgeklebt. Egal, weiter! Dickes Schilfgeflecht macht die Sache zusätzlich schwieig. Es verhakt sich in Schaltwerk und Umwerfer; dort wo viel Wasser steht, spritzt es nach oben auf Kette und Zahnräder. Da ist viel Salz drin, denke ich mit Sorge um mein Material. Aber ich Esel habe es ja so gewollt. Jetzt also nicht jammern Jörg.

Mein Tempo liegt etwa bei Schrittgeschwindigkeit. Mehrmals muss ich anhalten, um Gräben zu überwinden. Oder um die Wattenmeer-Botanik aus der Fatbike-Mechanik zu entfernen. Ich blicke auf die Uhr. Vielleicht sechs Kilometer geschafft und schon über eine Stunde unterwegs. So wird das nichts bis Sonnenuntergang. Licht habe ich nicht dabei.
Sylts breiter Strand ist nah am Wasser gut mit dem Fatyx befahrbar

Ich entscheide mich, mehr ins Inselinnere zu fahren. Mir und auch der Natur tut die Tour durch die sumpfigen Wattwiesen nicht gut. Ich lande auf einem Golfplatz. Was für ein Kontrast. Eben noch tiefmatschiges Gelände, jetzt gepflegtes Grün. Dem Reiz, direkt über die Fairways zu donnern, widerstehe ich und rolle nun mit flottem Tempo auf einer geschotterten Piste. Sylt hat in diesem Bereich seine größte West-Ost-Ausdehnung; in einiger Entfernung sind die Hochhäuser von Westerland erkennbar. Doch dann knickt meine Route nach links ab und ich rolle über den Damm des Rantum Beckens. Eine spektakuläre Strecke, führt sie doch quasi dirket durchs Meer: links Wasser, rechts Wasser, dazwischen die Dammkrone mit Radweg - das hat was, auch wenn dieses mehrere Kilometer lange Stück ziemlich windanfällig ist.

Rantum selbst ist wenig spektakulär für Radfahrer. Die sylttypischen Reetdachhäuser, ein paar Strassen, teure Hotels, das war's. Hier ist die Insel plötzlich besonders schmal. Man kann das Meer links und rechts zwar nicht gleichzeitig sehen, aber hören oder zumindest spüren. Auf einer festen Schotterpiste komme ich gut voran. Direkt ans Wasser ist auch hier nicht zu kommen. Das ändert sich weiter südlich. Dort sehe ich plötzlich einen interessanten Wegweiser: "Kein Radweg nach Hörnum", verkündet dieser und weist Richtung Strand. Genau das, was ich gesucht habe. Der Weg ist ein Wanderweg durch die Dünen, mit Wasserdurchfahrten und tiefen Sandpassagen - Fatbike-Terrain eben.

In der Tat zeigt mein Fatty hier, was es drauf hat. Auch Anstiege mit tiefen Sand sind fahrbar. Wenn mit normalen Bikes nicht mehr geht, kommt das Rad mit den 4,8-Zoll breiten Reifen hier noch durch - herrlich. An der Hörnumer Spitze, also Sylts Südpol, wird's schwierig. Rechts von mir türmt sich eine hohe Sandkante auf, links brechen Wellen und Wasser züngelt auf den Strand. Was bleibt, ist meist nur ein halber Meter Platz zum Fahren. Ohne Wasserkontakt geht es nicht. Mein armes Bike.
Hörnum: Sylts Südpol mit unruhigem Wasserspektakel
An der Südspitze mache ich eine kurze Rast und blicke fasziniert aufs Wasser. Unterschiedliche Strömungen fließen hier ineinander und bringen die Wasseroberfläche in ständige Unruhe. Manchmal sieht das Meer aus, als würde es gleich kochen, dann plötzlich so als habe jemand am Meeresboden den Stöpsel gezogen. Kleine Strudel tauchen kurz auf und verschwinden gleich wieder.

Anschließend wird es immer schwerer, mit dem Faty weiter zu kommen. Wellenbrecher aus Beton versperren die direkten Zugang zur Wasserkante. Dort wo man hinkommt ist der Sand extrtem loose und tief. Einen halben Kilometer muss ich schieben. Dann liegt sie vor mir: Sylts Westseite mit seinem breiten, urtümlichen Sandstrand, der sich bis nach List zieht. Jetzt geht es richtig los mit der Fatbikerei. Direkt an der Wasserkante kann ich ein Tempo von etwa zehn km/h, manchmal 15 km/h halten. Die Bodenbeschaffenheit wechselt hier und da mal kurz: Dann ändert sich das Fahrgefühl von anstrengend zu extrem anstrengend. Aber so lange ich vorwärts komme, geht es mir gut. Auf Schieben habe ich keinen Bock. Die Orientierung ist schwierig. Natürlich: Verfahren ist unmöglich. Aber wo bin ich genau? Muss dahinten nicht die Sansibar kommen? Na klar, aber wie weit mag das noch sein! Zwei Kilometer? Oder eher fünf? Keine Ahnung!

Das Gefühl für Entfernung geht hier am Strand verloren. In einiger Entfernung taucht rechts in den Dünen eine Bake auf. Die müsste ich ja gleich passieren. Doch sie kommt kaum näher, wird nicht größer. Mehr als eine halbe Stunde brauche ich, bis ich sie erreiche. Ich hatte mit etwa zehn Minuten gerechnet. Kurz danach erreiche ich die Sansibar.
Fatbike an der Sansibar: Mehr Aufmerksamkeitswert als jeder Protz-SUV

Zwei Sylt-Gockel in neonfarbenen Steppwesten stapfen Richtung Strand und mustern mein Fatbike: "Bisste am Strand gefahren?", fragt der eine. Ich nicke und denke: Wo den wohl sonst? Egal, jetzt erstmal auf die Terasse der Sansibar und gucken, ob es was Bezahlbares zu essen gibt. Gibt es! Ich bestelle eine Kartoffelsuppe mit Apfelkuchen. Das wurde mir von der Bedienung empfohlen, soll gut sein. Kartoffelsuppe mit Apfelkuchen - nie gehört. Tasächlich kommt eine sehr leckere Suppe in deren Mitte ein Stück Apfelkuchen schwimmt. Und die ungewöhnliche Kombination schmeckt ungewöhnlich gut.

Beim Edel-Juwelier in Kampen steht ein lustiges Lohner E-Bike mit Sitzbank
Suppe mit Kuchen, das gibt Kraft. Trotzdem: Meinen Plan, Sylt direkt an der Wasserkante zu umrunden, beerdige ich. Der Nachmittag ist schon fortgeschritten, das Jahr noch früh. Darum wird es früh dunkel. Aso nehme ich den geschotterten Radweg, rolle durch Westerland zum Brandenburger Strand. Hier ist in der Sasion immer der (Surf)-Teufel los. Jetzt sind es nur kleine Gruppen von Spaziergängern, die sich den frischen Wind um die Nase pusten lassen. Sylt umrunden bedeute logischerweise auch, irgendwann mit dem Wind zu kämpfen. Vor Kampen bläst er mir direkt ins Gesicht, so als wolle er sagen: "Mein Freund, bis List kommt Du heute nicht mehr. Vorher lasse ich das Licht aus machen."
Ich kapituliere - DNF! Das steht für "Did not finish". Eine komplette Strandrunde war nicht drin. Nein, nicht mal die Umrundung mit Hilfe der Radwege habe ich heute geschafft. List ist eigentlich nicht mehr weit. Doch es dämmert bereits. Zügig fahre ich auf Sylts Ostseite hinterm Flugplatz lang nach Keitum. Dort angekommen ist es schon fast dunkel. Mein Inselbesuch geht am Bahnhof zu Ende. rein in den Zug und zurück nach Hamburg. Heute war ich einfach nicht reif für die Insel.

Ganz wichtig: Nach der Tour das Bike vom fiesen Salz befreien

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