Donnerstag, 2. März 2017

Lastenrad-Service von Ikea: Saubere Sache, aber saulangsam

Einkaufen bei Ikea. Ein Klassiker. Gehasst, geliebt, viel diskutiert. Und es passiert fast immer mit dem Auto. Auch bei mir sieht das in der Regel so aus: rein in die Karre, zwölf Kilometer zur Ikea-Filiale in Hamburg-Allermöhe dirket an der Autobahn. Rauf auf die riesigen Parkplatz. Oder hoch in den runden Stellplatz-Silo. Anschließend ab in die Ausstellung. CO2-Bilanz der Aktion mit einem Mittelklasse-Kombi: rund 3500 Gramm Kohlendioxid in die Atmosphäre gepustet. Auch mit einem gecarsharten Smart sieht der Umweltaspekt nicht viel besser aus. Aber es geht auch anders. In der noch recht neuen City-Filiale Hamburg Altona bietet Ikea eine kostenlose Lastenrad-Ausleihe an, um gekaufte Waren nach Hause zu transportieren. Ein Selbstversuch.
Malm soll es sein. Zwei weiße Schubladen-Kommoden mit hochglänzenden Fronten. Das jedenfalls hat meine Frau entschieden und beginnt am PC die Online-Bestellung zu bearbeiten. Ich rufe: "Halt. Stopp. Warte mal! Die hole ich selber mit dem Lastenrad aus Altona ab." Schon lange wollte ich wissen, wie gut dieser Gratis-Service von Ikea funktioniert. Was für Cargobikes stehen zur Wahl? Wie funktioniert das Ganze? Computer aus! Malm kommt per Cargobike und Muskelkraft ins Wohnzimmer, nicht mit Sprinter, Miet-Smart oder eigenem Pkw.

Altona ich komme. Mit der S-Bahn. Auch das schont die Umwelt. Ikea ich komme. In rund 20 Minuten bin ich von meinem Wohnort in Wilhelmsburg da. In der Wohnzimmer-Ausstellung spreche ich eine gelbgestreifte Ikea-Beraterin an: "Wo ist Malm? Glänzenden Fronten bitte! Und wo finde ich das im SB-Hochregallager?" Die Frau schreitet souverän zu einem Rechner, tippt was in die Tastatur und druckt ein DIN A4-Blatt aus: "Regal 13, Platz 09", steht da. Prima, alles klar. Ab in die SB-Halle. Und tatsächlich: Das Zeug liegt genau am beschrieben Platz. Rauf mit den zwei Pakten auf den Einkaufswagen und zur Kasse, zahlen und dann wird es spannend. Wo ist der Lastenrad-Transportservice?

Neben Transportern für Selbstfahrer und Lieferservice gibt es auch eine  Kurierdienst per Cargobike. Preis: ab 9,90 Euro. Nicht schlecht. Aber ich will ja selber fahren. Rechts neben der Warenausgabe warten sieben Lastenräder. Am Schalter zeige ich meinen Personalausweis, muss einen leihvertrag unterschreiben und schon schiebt mir eine Ikea-Mitarbeitern ein dreirädriges Lastenrad vor die Füße. Das war einfach. Ab jetzt wird es schwer. Denn mein Einkauf wiegt etwa 90 Kilo. Zum Einladen entferne ich die Stirnwand, wuchte die beiden Pakete auf die Ladefläche und scheibe die hölzerne Stirnwand wieder in ihre Position. Fertig. Durchatmen. Ein Foto machen.

Ich mustere das Bike und entdecke Aufkleber der Firma Ahoi-Velo. Sie ist Lieferant der Ikea-Transporträder vom Typ Vanandel. Fünf Minuten später habe ich die Fuhre durch die geflügelte Glastür auf die Große Bergstrasse geschoben. Durchatmen! Jetzt geht es los Richtung Wilhelmsburg. Doch schon nach wenigen Metern merke ich: Das wird eine langsame Tour. Das Cargobike-Trike bewegt sich nur sehr langsam zur Palmaile. Trotzdem gönne ich mir eine kurzen Abstecher zum Altonaer Balkon. Das Panorama auf Elbe und Hafen ist immer wieder geil.

Dann stürze ich mich den Elbhang hinunter. Bei 20 km/h wird mir mulmig und ich ziehe die Bremsen. Dreiräder können sehr tückisch werden. Abfahrten mit dem Ding sind keine Freude. Steigungen noch viel weniger. Quälend langsam geht es im ersten Gang voran. Etwa Schrittgeschwindigkeit; vielleicht sogar einen Tick langsamer. Wie ein langsamer Geher eben. Aber wie langsam würde ein Langsamer Geher mit 90 Kilo Last auf den Schultern wohl gehen? es sind solche Gedanken, die mir über die nächste kurze Steigung am Fischmarkt helfen. In der Ferne sehe ich schon das Kuppelgebäude des Elbtunnels. Zehn Minuten später bin ich da und teile mir mit einem weiteren Radfahrer den Personenaufzug. Das Lastenrad passt von der Breite her gerade so rein.

Im Tunnel muss ich schieben. Warum nur bin ich immer zur falschen Uhrzeit hier? Immer nur schieben. Nordwärts kommen mir paar Fahrradfahrer entgegen. Die haben es gut. Die haben die richtige Richtung zur richtigen Uhrzeit. Morgens wird Richtung City geschoben, abends Richtung Wilhelmsburg. Ich schiebe irgendwie immer. Und heute kommt sogar noch gegenverkehr in Form von ein paar Autos dazu, was mich auf den rechten Gehweg zwängt, der so gerade für Dreirad ausreicht.

In Steinwerder wieder rauf auf den Sattel. Noch nie kam mir die Argentinienbrücke so steil vor wie heute. Ich rolle vorbei an der alten Zollstation an der Ernst-August-Schleuse und biege nach links ab in die Fährstrasse. Kurzer Zwischenstopp in der Kaffeeklappe. "Du hast einen roten Kopf", sagt Lena, die hier wohnt und mich kennt, wenn ich keinen roten Kopf habe.

Roter Kopf auf dem Cargobike. Und nun bin ich schon rund eine Stunde unterwegs. kein Zweifel: Das Ikea-Lastenrad ist für Kurzstrecken bis maximal, sagen wir mal sieben Kilometer, gemacht. Alles was weiter weg ist, macht die Sache anstrengend. Besonders wenn viel Zuladung in der Kiste das Bike kräftig zum Erdmittelpunkt drückt.


Noch fünf Kilometer bis nach Hause. Die schaffe ich irgendwie. Rumpelnd poltert das Cargobike über den ruppigen Radweg der Georg-Wilhelm-Strasse. Noch einmal links, dann recht auf den Loop, links, wieder rechts über die Ampel und - geschafft. Schnell die schweren Malm-Pakete in die Wohnung und zurück mit dem Leihbike zu Ikea. Es ist 18.15 Uhr. Dann könnte ich doch S-Bahn fahren. Die Rush-Hour ist durch. Und in den HVV-Beförderungsbedingungen steht nicht von einem Lastenrad-Verbot.

Leider ist der Aufzug am S-Bahnhof Wilhelmsburg gut zwei Zentimeter zu schmal für Cargobike. Auch mit zweisitziger Croozer-Trailer will hier nicht durch passen. Was für eine Fehlplanung. Doch über die Rolltreppe geht's. Auch in die S-Bahn passt es prima. Zwar nimmt es im Türbereich viel Platz weg, doch die Wagons sind relativ leer. Das Ding stört niemanden. Ich hätte auch mit dem Malm-Gepäck die S-Bahn nehmen sollen. Das geht besser als gedacht.

Im Bahnhof Altona bringen mich zwei Fahrtreppen wieder ins Freie. Noch ein paar Pedalumdrehungen durch die Fußgängerzone, schon schiebe ich das Lastenrad wieder durch die die Ikea-Tür.  "Alles klar", sagt die Mitarbeitern. "Sie haben das Zeitlimit zwar leicht überzogen, aber das ist okay". Drei Stunden sind kostenfrei. Jeder weitere kostet fünf Euro. Eine wirklich tolle Sache. Wenn die Ikea-Leihlaster doch nur nicht so langsam wären.

Hej Ikea! Wie wäre es mit ein paar Bullits oder Omniums?

1 Kommentar:

  1. Wow, reife Leistung! Sehr cool.

    Das mit dem HVV stimmt allerdings nicht. Die Spießer haben in den Beförderungsbedingungen einiges ausgeschlossen. Tandems, Dreiräder, Lastenräder, etc.

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