Montag, 3. Februar 2014

Neue Auto-Notbremse: Volvo stoppt selbsttätig für Fahrradfahrer - ein Test

Volvo, der legendäre Autohersteller aus Schweden, versteht sich immer noch als Sicherheitspionier und rüstet seine Autos zunehmend mit moderner Elektronik aus, die mögliche Unfallsituationen erst erkennen, dann vermeiden soll. Nach einem automatischen Notbremssystem für Fußgänger, hat Volvo nun buchstäblich die Radfahrer im Visier. Droht eine Kollision mit dem Auto, ohne das der Fahrer reagiert, übernimmt die Technik das Kommando und macht automatisch eine Vollbremsung. Ich habe das System mit einem Volvo XC 60 getestet.
Darstellung der Fahrradfahrererkennung auf dem Monitor des Volvo XC 60. Die Info ist in der elektronischen Bedienungsanleitung des schwedischen SUV hinterlegt
Kanonenfutter! Ich brauche Kanonenfutter. Wer ist mutig oder lebensmüde oder beides, kann gut Radfahren, hat Zeit und ist für einen Spontaneinsatz zu haben? Ich blättere durch mein gedankliches Telefonbuch. Doch, da gibt es einige, die gut Rad fahren. Aber die haben nie Zeit. Drei Grad zeigt mein Außentermometer, minus drei Grad. Nee, das, was ich vorhabe, macht heute keiner mit. Denn ich brauche ja nicht nur einen, der den nasskalten Temperaturen und dem eisigen Wind trotz, sondern auch einen, der sich mit dem Fahrrad quasi vor mein Auto wirft, damit ich überprüfen kann, ob die neue Sicherheitstechnik leistet, was der Hersteller verspricht - ich brauche Kanonenfutter.

Der Hersteller heißt Volvo und bietet in seinen Autos gegen Aufpreis einen Elektronikassistenten an, der bei gefährlichen Situationen mit Fahrradfahrern selbsttätig eine Vollbremsung einleitet. Klingt nicht schlecht oder? Ich bin jedenfalls so neugierig geworden, dass ich das mit einem Simulationsversuch überprüfen will. Dafür brauche ich Kanonenfutter.  Hmm, wen könnte ich anrufen? Wer hat Spass an so was und ist so neugierig wie ich?

Dann schießt es mir in den Kopf: Norbert. Ja, Norbert ist so einer. Norbert ist immer hilfsbereit, ein exzellenter Radfahrer und Norbert hat meist spontan Zeit, wenn es um eine Radfahraktion geht. Ich wähle seine Nummer. "Ja hallo, Norbert hier", klingt es mir fröhlich aus dem Handy entgegen. Kurze Erklärung, schon sitzt Norbert bei sibirischen Bedingungen auf seinem Mountainbike. "Alles StVZO-konform", versichert er mir. "Reflektoren, Rücklicht, alles dran." Das ist wichtig. Denn Volvos System detektiert nur korrekt ausgestattete Fahrrädern für Erwachsene. Mit Kinder auf Kinderrädern hat die Technik eventuell Schwierigkeiten.

Stichwort Technik: Die Fahrradfahrer-Erkennung ist ein komplexes Sytem, bei dem verschiedene Sensoren im Auto zusammenarbeiten und permanent in Millisekunden jede Menge Informationen an eine zentrale Rechnereinheit schicken, die diese auswertet. Zur Ortung eines vor dem Volvo fahrenden Radfahrers werden gleich zwei hinterm Grill eingebaute Radaranlagen eingesetzt, die den Fernbereich sowie das Areal direkt vor dem Auto abtasten. Wird ein sich in gleiche Richtung wie das Auto bewegendes Objekt erkannt, verifiziert eine Stereokamera auf Innenspiegelhöhe anhand der Form und Charakteristik des Objekts die Information. Detektieren die Kameras Reflektoren, eine bestimmte Höhe des Gegenstandes sowie Pedalbewegungen, klassifiziert die Volvo-Elektronik dieses Objekt als Fahrrad. Das System scannt also nicht nur einfach Objekte vor dem Fahrzeug, sondern eine neue Software mit schneller Bildverarbeitung ermöglicht es, einen Fahrradfahrer von einem Fußgänger oder anderem Auto zu unterscheiden. Schert dieser plötzlich vor einem Volvo aus, erhält der Autofahrer eine sofortige Warnung. Gleichzeitig wird das Bremssystem vorgespannt. Wenn der Fahrer nicht auf die Warnung reagiert und ein Unfall droht, wird automatisch die volle Bremskraft aktiviert und das Fahrzeug bremst selbstständig ab.

Mehr intelligente Erkennungstechnik und aktive Sicherheit bietet zur Zeit kann anderer Autohersteller. Wie das System funktioniert, erklärt auch dieser Film.

Beeindruckend oder? Zumindest in der Theorie. Denn für den Film wurde die Situation zur Erklärungszwecken nur exemplarisch simuliert. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Funktioniert das Volvo-System? Die Fussgängererkennung klappt überzeugend, wie ich aus einem früheren Test weiß. Fährt der Volvo durch eine Strasse, auf die plötzlich ein Fußgänger tritt, warnt das Auto erst mit einem akkustischen wie mit einem roten Warnsignal in der Windschutzscheibe vor dem Crash. Bis Tempo 35 km/h ist das System sogar in der Lage, eine automatische Vollbremsung hinzulegen. Ich konnte das mal mit einer stehenden Puppe auf der Straße testen - funktioniert wirklich beeindruckend. Aber auch mit Radfahrern in einer lebensechten Situation?

Tester Norbert neben dem Volvo XC 60

Jetzt ist Norbert dran. Bei einer Serie von Fahrexperimenten in der Hafencity simuliert er einen Radfahrer, der durch eine heftige Ausweichbewegung mir plötzlich vor den Wagenbug fährt. Eine Notbremsung findet aber nicht statt. Trotz wiederholter Versuche reagiert das Volvo-System nicht. Nur einmal, erhalte ich ganz kurz eine rote Warnung im Head-Up-Display. Ich fahre mit 20 km/h wahrscheinlich zu langsam und obwohl ich Norbert mit dem Grill schon sehr auf den Hinterreifen rücke, halte ich noch immer zuviel Abstand. Das bedeutet, das ich in einer echten Gefahrensituation noch rechtzeitig bremsen könnte. Die Elektronenhirne in dem Auto sind klüger als man glaubt und lassen sich nicht so leicht täuschen oder zu einer Reaktion animieren.

Trotzdem glaube ich, dass das System funktioniert. Um den Warn- und Bremsautomatismus in voller Stärke auszulösen, ist eine hohe Differenzgeschwindigkeit zwischen Auto- und Norbert nötig. Das wollen wir aber lieber nicht riskieren. Die Sensorik ist so abgestimmt, das sie wirklich erst in allerletzter Sekunde reagiert und das Auto wenige Zentimeter vor dem Rad zum Stehen bringt. Andernfalls würde die Elektronik in komplexen Verkehrssituationen zu oft anspringen und Fehlalarme auslösen, was wiederum für den nachfolgenden Verkehr gefährlich ist.

Um das System zu testen müssen Auto- wie Radfahrer extrem viel Mut haben. Es kostet sehr viel Überwindung, der Technik ohne Notausgang zu vertrauen und voll drauf zu halten. Ich hatte sogar Hemmungen, auf die Puppe bei dem Fußgängertest aufzufahren. Auch wenn es nur ein lebloser Dummi ist, will der Fuß unwillkürlich auf die Bremse, bevor das System reagiert. Noch viel größer ist die Überwindung, wenn da ein Mensch vor Dir pedaliert, der Norbert heißt.

Volvos Radfahrererkennung mit einem Dummi zu testen, dürfte sehr aufwendig sein. Man müsste ein Rad mit einer Puppe besetzen, die an einem Ausleger von einem zweiten Auto gesteuert direkt vor den Wagenbug gelenkt wird. Mit echtem Kanonenfutter ist dann doch zu riskant.

Vier Sensoren sorgen für die Erkennung der Radfahrer

Eine schematische Darstellung aus Sicht des Fahrers
In einer Notistuation warnt das System und bremst dann selbsttätig
 

Kommentare:

  1. Ansich eine gute Sache. Aber ich frage mich, wann es den ersten Auffahrunfall geben wird, wenn ein Rennradler (z. B. Richtung Geesthacht) wie üblich mit 20-30 km/h Geschwindigkeitsüberschuss (einfach mal angenommen, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h wird eingehalten) und 20 cm "Sicherheitsabstand" bei Gegenverkehr überholt wird und das Auto plötzlich eine Vollbremsung macht, weil es um einiges verantwortungsbewusster ist als sein Fahrer...
    Aber wahrscheinlich ist das kein Problem, zum einen, weil die Technik (noch) Aufpreis kostet, zum anderen, weil kein RR StVO-konform ausgestattet ist.

    Guter Blog, übrigens!

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    1. Danke für Dein Kompliment und den Kommentar. Dein Einwand ist total berechtigt. Ich erlebe immer wieder bei modernen Autos wie dem Volvo, aber auch VW und anderen eine Überreaktion der Technik, weil die Sensoren ein Hinderniss erfassen und die Elektronik ein Problem erkennt, der Fahrer aber nicht. So passierte es mir mit Audi- und VW-Modellen, dass sie auf meiner sehr hoch eingefassten Einfahrt plötzlich eine Vollbremsung hinlegen. Volvo warnen oft und gerne vor Auffahrgefahren, wenn der Fahrer zügig unterwegs ist. So ist das vonDir beschriebene Deichszenario durchaus möglich. Die Volvo-Elektronik dürfte einenRennradfahrer durchaus als solchen erkennen, auch wenn er nicht STVZO-konform unterwegs ist.

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    2. Allerdings ist das mit der "Überreaktion" relativ ;)
      Bei der Mauer an der Einfahrt ist das wohl so, wenn es um das Leben eines Menschen geht, das von manchen leichtsinnig aufs Spiel gesetzt wird, nicht.
      Ansich dürfte es aber wohl nur noch ein kleiner Schritt sein, dieselbe Technik auch als "Überholassistent" einzusetzen (z. B. schräge und seitliche Abstandswarnung und Verringerung der Geschwindigkeit natürlich ohne Vollbremsung), was bestimmt viel bringen würde, da die meisten Autofahrer ja nicht absichtlich so knapp überholen, sondern die Geschwindigkeit und Abstände nicht einschätzen können.

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