Freitag, 14. März 2014

Fahrradselbsthilfe auf dem Fahrradstrich: Schrauben in der Öko-Kommune

Das Schaufenster in der Stresemannstraße 142 ist mir schon oft beim Vorbeifahren aufgefallen. Ein Liegerad-Eigenbau mit Bananensattel steht da hinter der staubigen Scheibe. Erst bei näherer Betrachtung der Zettel im Fenster wird mir klar, um was es hier geht. Der Arbeitskreis Lokale Ökonomie (Ak Lök) betreibt hier eine Fahrradwerkstatt, für alle denen konventionelle Geschäfte zu teuer oder kommerziell sind. Ein alternatives Selbsthilfe-Projekt also, das unter dem Motto "Schrott wird flott" steht. Hört sich gut an und für mich Anlass für einen Test-Besuch.

Die Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt liegt zentral in Altona in einem Hinterhof. Kurioserweise in der Stresemanntrasse, die ich auch gerne als "Fahrradstrich" bezeichne. Nirgends in Hamburg ist die Dichte an Fahrradgeschäften größer als in der Strese. Es beginnt unter der S-Bahnbrücke mit der Bike-Factory, gefolgt von Cristoph Nies Cycles - ein Laden, der sich eher als Großhändler für Jedermann versteht und überwiegend im Internet aktiv ist. Noch ein paar Meter weiter befindet sich der Fahrradhandel Jörg Lorenz - drei Geschäfte innerhalb von etwa 200 Metern. Ein Bike-Laden neben dem nächsten, ein echter "Fahrradstrich" eben.

Am Ende dieses Radladen-Aufreihung schließlich liegt die kleine Selbsthilfewerkstatt des Ak Lök. Zu dem gehört auch noch der Umsonstladen ein paar Meter weiter sowie ein Kleinmöbellager. Ziel ist, Gebrauchsgegenstände wie Fahrräder möglichst lange zu erhalten statt auf schnellen Neukauf zu setzen und beispielsweise billige Wegwerfräder aus dem Baumarkt zu kaufen. Für mich ist das ein sympathischer und richtiger Gedanke. Reparieren finde ich besser als wegwerfen, Nachhaltigkeit sinnvoller als Kurzfristkonsum.

Geöffnet ist immer dienstags und donnerstags von 14 bis 18 Uhr. Wie bei alternativen Projekten üblich, gilt es bestimmte Regeln zu beachten. So sollten Besucher keine Servicementalität erwarten. Die Ak Lök ist nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet, sondern die Arbeit soll vor allem Spass machen. Als Gegenleistung für die Nutzung werden Kunden zu einer kleinen Spende aufgefordert.

Aber Kunden ist eigentlich das falsche Wort. "Wir sprechen lieber von Nutzern", klärt micht Seymar (oder ähnliche Schreibweise) auf. Sie ist oft hier und restauriert ihre eigenen kleinen Projekte. Zur Zeit schraubt sie an einem Cruiser für die Stadt. Es kostet mich einige Überredungskunst, Sie zusammen mit Volker (???) vor die Kamera zu kriegen. "Nur mit Sonnenbrille", sagt sie schließlich und stellt sich neben Volker in den prall mit Fahrrädern und Ersatzteilen gefüllten Laden.
 
Neben der reinen Reparatur wirbt die Werkstatt auch mit der Möglichkeit, sich aus Einzelteilen sein "persönliches Traumrad" zusammen zu schrauben. Auch das ist ein schöner Gedanke. Wie oft das wohl in die Tat umgesetzt wird?

Ich bin mit meinem Victoria Klapprad gekommen, um ein Pedal zu ersetzen. Außerdem benötige ich einen möglichst klassischen Scheinwerfer sowie ein passendes Rücklicht. Mit allen drei Teilen kann Volker helfen. Ich habe mit etwa zehn Euro Kosten gerechnet. Als der Preis dann bei 20 Euro liegen soll, muss ich doch etwas schlucken. Billig geht anders. Aber okay, wenn ich mir die Teile bei E-Bay zusammenkaufe und Porto bezahle. wird es auch nicht günstiger. Und das Werkzeug kann ich hier auch benutzen.

Bei meinem Besuch herrscht kurz vor 18 Uhr ordentlich Andrang. Gleich drei Leute haben Probleme mit dem Licht oder einer fehlenden Schraube. Allen versucht Volker zu helfen.

Fazit: Den Gedanken einer so organisierten Fahrradselbsthilfe finde ich grundsätzlich gut. Für mich muss es dabei nicht streng ideologisch zugehen, aber wenn so Leuten geholfen wird, die wenig Geld zur Verfügung haben, ist das ein tolles Projekt. Allerdings sind Lage und Öffnungszeiten nicht optimal. Aber wie gesagt: Es handelt sich ja um kein normales Geschäft, sondern um ein eher alternatives Projekt.

Kommentare:

  1. So schön die Idee auch ist: Immer wenn ich dort war, wurde ich herablassend behandelt. Es ist keine Selbsthilfe in dem Sinne, als dass ich mir dort selbst aneignen kann, wie ich mein Fahrrad reparieren kann, sondern je nach Laune wird mir besser oder schlechter geholfen. Da ich eine Frau bin, wird sowieso nicht davon ausgegangen, dass ich Ahnung von Fahrrädern habe. Und wenn ich nicht genug spende, werde ich angeblöfft. Ich dachte, so eine Selbsthilfe-Werkstatt wäre auch ein Gegenort zum kapitalistischen System und das Prinzip der Spende funktioniert nach Selbsteinschätzung. So dass eben Menschen die etwas mehr Geld zur Verfügung haben, auch Menschen auffangen können, die vielleicht gerade nicht so viel oder gar kein Geld haben. Ich dachte so funktionieren solidarische Vereine wie der AK Lokalökönomie. Aber da habe ich mich wohl getäuscht.

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    1. Hallo anonyme Schreiberin! In der Tat geht es dort etwas unterkühlt zu, so war auch mein Eindruck. Schade eigentlich. Über das solidarische Prinzip an der Sache vermag ich nichts zu sagen. Falls Du eine frauenslezifische Radwelbsthilfe sucht, gehe diesen Sonntag am besten in den Raum für Fahrradkuktur im Gängeviertel. Die machen dort einen Lady-Workshop.

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