Sonntag, 15. November 2015

Aus dem Fuhrpark XVI: Nimm Zwei - skurriles Italo-Tandem namens Bi Bicci


Mein Bi Bicci ist schokobraun, in gutem Zustand, aber leider nicht ganz original. Chromgabel mit Cantilever-Bremsen
und 26-Zoll-Vorderrad mit Nabendynamo wurden wohl mal nachgerüstet. Auch der Korb dürfte kaum zur Erstausstattung gehört haben
Geteilte Freude ist doppelte Freude. Darum mag ich Tandems. Sie schweißen zusammen, verbinden Captain und Stolker untrennbar und werden darum sogar zur Paartherapie eingesetzt. Neben einem Renntandem besitze ich zwei Klapptandems und zwei klassische Versionen aus den 70er-Jahren mit 26 Zoll Bereifung. Eigentlich hat mein Radfuhrpark damit mehr Tandems als genug. Dachte ich. Bis ich eines Tages ein Foto vom Bi Bicci sah - eine ganz spezielle Konstruktion aus Italien. Der Stolker, also der Heizer, also der Hintermann, sitzt dort, wo bei normalen Fahrrädern der Gepäckträger ist. Seine Pedale rotieren nicht an einem zweiten Tretlager, sondern sind an der Achse des Hinterrades montiert. Vorteil: Die Abmessungen des Tandems bleiben bei denen eines normalen Rades. Es ist nicht so lang, ausladend und sperrig wie die Tandem-Klassiker, es passt prima in Autokofferräume und lässt sich leicht in den Keller transportieren. Also, mit dem Foto des Bi Bicci war es um mich geschehen: So ein Ding musste her. Bis es aber so weit war, hat es ein paar Jahre gedauert.

Der hintere Sattel wird von insgesamt drei Rohren über der Hinterachse
gehalten - eine originelle Konstruktionsidee

Ein rotes Exemplar in einem Kleinanzeigenportal habe ich leider verpasst. Der Zustand war gut, der Preis fair, die Abholentfernung okay, ich aber zu langsam. Als ich den Verkäufer anrief, hörte ich nur ein knappes: "Ist schon weg!" Mist! Aber okay, da gibt es noch mehr von, tröste ich mich. Von wegen. Bi Biccis scheinen äusserst rar zu sein. Drei Jahre lang entdeckte ich kein weiteres Exemplar, obwohl ich immer wieder mal danach fahndete. Damit hatte ich das Projekt Bi Bicci eigentlich abgehakt - man kann eben nicht alles haben.

Doch dann wurde plötzlich die Embacher Collection versteigert. Und mit ihr ein wunderschönes Bi Bicci im Renntrim. Ein Traum. Ein absolutes "Will-Ich-Haben-Fahrrad". Ich sah mich schon auf dem Weg nach Wien, um mit zu steigern. Bauch sagt ja, Kopf nein, denn bei Auktionen steigen die Preise gern in unrealistische Höhen, zumindest für mich. Richtig geahnt: Das Bi Bicci erzielte über 4000 Euro - definitiv weit, weit über meinen Vorstellungen.
Bi Bicci Tandem aus der Embacher Collection: Zuschlagpreis bei 4250
Euro. Schnäppchen sehen anders aus
Mein Leben musste also ohne Bi Bicci weiter gehen. Doch die Versteigerung brachte das Bi Bicci zurück in meinen Fokus. Hier und da suchte ich wieder nach so einem Rad. Und wurde fündig: In Krefeld stand bei einer Initiativgruppe, die Fahrräder fit für die Straße und so Arbeitslose zurück in einen Job bringt, ein braunes Bi Bicci im Keller. Eine Tourenradversion in eher mässigen, nicht mehr originalen Zustand, dafür aber für einen kleinen Preis. Ich schlug zu.

Seit dem parkt in meinen Fuhrpark eben auch ein rares Bi Bicci. Dass Gabel, Nabendynamo, Schalthebel und Korb nicht original sind, stört mich nicht. Klar, kann man alles umbauen. Aber warum? Das 26 Zoll Bi Bicci fährt prima, bietet Fahrspaß für zwei auf sehr kompaktem Raum. Die Viergang-Huret-Kettenschaltung braucht etwas Feingefühl, ansonsten hat das Rad eine robuste Technik, fährt sich zügig und macht viel Freude.
Fahrrad und Namen kommen aus
Italien: Bi Bicci bedeutet übersetzt
etwa "Doppel Fahrrad"

Technisch ist es übrigens so, dass der Stolker nicht direkt die Hinterachse antreibt, was der Blick aufs Rad eigentlich vermuten lässt, sondern ein Ritzel auf der linken Seite treibt via Kette nach vorn die doppelte Kettenradgarnitur an, die auch der Captain pedaliert. Von hier überträgt eine Kette auf der rechten Seite die Kraft ans Hinterrad - eine spannende Konstruktion, bei dem im Hinterbau etliche Spezialteile wie die Achse, Lager und Zahnräder verbaut sind. Hier darf bitte nichts kaputt gehen. Ersatzteile werde ich nämlich kaum auftreiben können.
Der hinten sitzende Stolker treibt über ein großes Ritzel
auf der linken Seite die vorderen Kettenblätter an, nicht
wie schnell vermutet die Hinterachse auf direktem Weg 



Als kleine Modifikation plane ich eine Aufnahme für eine Fahrraddeichsel, so dass ich meinen Crozer-Trailer anhängen kann. Dann bietet das Bi Bicci sogar Fahrspass für drei oder vier.


4-Gang-Kettenschaltung des Bibicci
von Huret

1 Kommentar:

  1. Glückwunsch! Mit dem Ding muss man sich zum Halloween Cruise nicht verkleiden, man sieht darauf auch so bescheuert genug aus. Ist übrigens anscheinend ein halbes Eingangrad. Die Vorzüge der Gangschaltung wird wohl nur der Captain spüren.

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