| Startpunkt: Alstermündung an der Brandshofer Schleuse |
Wer mit dem Fahrrad einem Flusslauf folgt, hat's leicht: wenig Steigungen und ein klarer Wegweiser zum Ziel. Darum habe ich mir vorgenommen, die Flüsse vor meiner Tür von der Mündung bis zur Quelle abzuradeln. Davon gibt es einige. Teil 1: die Bille.
"An der Alster, an der Elbe, an der Bill, kann ein jeder machen was er will." Das ist der Titel einer alten hamburgischen Volksweise und für mich Inspiration, die Flüsse der Umgebung mit dem Fahrrad abzufahren. Denn dafür braucht es keine Karten und kein Navi. Einem Flusslauf zu folgen verspricht schnelles Vorankommen ohne nennenswerte Steigungen.Mein erster Riverride soll die Bille werden. "65 Kilometer Gesamtlänge, davon 42 in Schlewig-Holstein", verrät Wikepedia. Das sollte in fünf bis sechs Stunden locker zu schaffen sein. Mein Ziel ist, immer möglichst nah am Wasser zu bleiben. Das bedeutet hier und da eine aufwändige Trailsuche. Mal sehen. Versuch macht klug.
| Blick von der Braunen Brücke |
Jetzt ist 2026 und ich starte an der Schleuse ganz in der Nähe der beliebten Oldtimertankstelle, quäle mich über Ampeln und rolle wenig später über die Straße "Billufer" durch ein riesiges Kleingartengebiet. Verfahren unmöglich. Der Billbrookdeich bringt mich am Südufer nur zäh voran. Nie würde man auf die Idee kommen, hier eine Genußradtour zu unternehmen. Denn die Gegend ist ein Industriedschungel bestehend aus Gebraucht-Lkw-Händlern, Lagerhallen, Speditionen, Gerüstbaubetrieben und Baustofflieferanten. Das ist Hamburg von seiner Arbeiterseite: rau, schmutzig, laut. Quasi ein Anti-Blankenese. Hier fährt man nur hin, wenn man muß. Und schnell wieder weg.
| Farbcode: die Rote Brücke |
Wenige hundert Meter weiter wechselt die Bille ihr Gesicht radikal. Bis zur Flußunterführung an der A1 ist sie schiffbar, jenseits der Autobahn wird sie schmaler, idyllischer, wilder. Ein zügig befahrer Schotterweg begleitet die Bille durch die Boberger Niederung. Nur mehrere schmale Brücken stören den Rythmus. Im Billwerder Billdeichpark wächst der jetzt schmale Fluß kurz zu einem See an, nur um anschließend zu Grabenformat zu schrumpfen und dann unter der Kreuzung Sander Damm/Bergerdorfer Straße zu verschwinden. Wo ist sie hin, die Bille?
In Nettelnburg fließt sich durch die sogenannte Kampbille zum Schleusengraben und von dort in den Bergedorfer Hafen, ein künstlicher Bypass sozusagen, weil der ursprüngliche Flußlauf schon Mite des 15. Jahrhunderts überbaut wurde. Im Herzen von Bergedorf unterbricht eine Staustufe samt Fischtreppe den ungehinderten Weg des Wassers. Schloßgraben, Hochzeitsbrücke, Museum - die Bille macht hier ein bisschen auf kitschig. Schnell weg. Gegen den Strom, weiter Richtung Quelle.
| Bille im Bereich Boberger Niederung |
Hinter Bergedorf geht es kurvig durch viel Grün. Und plötzlich schon wieder ein altes Gemäuer plus Mühlenteich. Das Reinbeker Schloß bremst mich förmlich aus. Wo geht es weiter? Wo fließt die verdammte Bille?
Das hält auf. Mist, ich will zur Quelle. Und die ist noch weit. Immerhin bin ich inzwisvhen in Schleswig-Holstein. Um dem Fluß wieder zu finden, rolle ich durch ein mondänes Villengebiet. In der Bahnsenallee dürften die meisten Häuser beim Verkauf siebenstellige Summen erzielen. Der Trail zum Sachsenwald-Tonteichbad ist der anspruchsvollste auf der gesamten Tour: steil, schmal und matschig - echtes MTB-Gelände.
In Wohltorf werden die Immobilien nicht billiger. Hier sieht alles teuer aus: die Häuser, die Gärten, die Autos, sogar die Straßenschilder. In bin jetzt in der Straße Billtal. Sie ist geprägt von hohen Hecken und eisernen Toren; die Villen dahinter wirken edel. Viel schön er kann man nicht wohnen.
In Aumühle leiste ich mir meinen ersten Verfahrer. Obwohl ich die Gegend von vielen Touren kenne (oder gerade deshalb), folge ich dem Mühlenteich. Das ist falsch. Die Bille verläuft hier nordwärts durch den Sachsenwald. Da ich schon mehr als drei Stunden unterwegs bin, entscheide ich mich gegen den Billetrail. Er führt direkt am Wasser entlang und ist eine Wurzelhölle, die sehr viel Zeit kostet. Meine Wahl sind Lindenalle und Witzhaver Viert. Diese Waldautobahnen bringen mich zügig unter der A24 hindurch nach Rotenbek. Kurzer Verpflegungsstopp in der Bäckerei und auf zum Schlußspurt Richtung Quelle.
| Alte Bahnbrücke bei Trittau |
In Linau weist ein kleines Schild zur Burg und zur Alsterquelle. Über einen kleinen Weg fahre ich erwartungsvoll auf einen Wald zu. Rechts zweigt kaum erkennbar ein Pfad ab. Wenn dort5 nicht auch ein Findling mit der Aufschrift Alsterquelle liegen würde, hätte ich ihn übersehen.
Und dann ist sie endlich nda, die Alsterquelle. Nur ein sumpfiges Loch, ein Pfahl mit einem grünen Schild kennzeichnet den Ursprung des Flusses. Hatte ich mehr erwartet? Nee. Ich habe die Quelle gefunden und bin überwiegend am Wasserlauf geradelt. Das war mein Ziel. Unterwegs viel gesehen. Gegenden der Arbeit und Gebiete des Wohlstandes. Und jede Menge Natur. Mission completed.
Am Ziel: Die Alsterquelle bei Linau
Nächste Folge: die Alster.
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