Freitag, 9. Mai 2014

Das Fahrrad: Ausstellung im Museum der Arbeit Hamburg


Ab sofort gehört im Museum für Arbeit dem Fahrrad die große Bühne©We are traffic
Gestern wurde die Ausstellung Das Fahrrad im Museum der Arbeit eröffnet; erst mit einer Pressekonferenz, abends mit Vorträgen und Ansprachen. "Wir erwarten, dass sich die wachsende Bedeutung des Fahrrads in den Besucherzahlen wieder spiegelt", sagt Kurator Mario Bäumer und führt die Pressevertreter durch die Ausstellung. Diese will nicht einfach nur eine Show verschiedenster Exponate sein, sondern vielmehr versucht sie die gesellschaftlichen, kulturellen, technischen und mobilitätspolitischen Aspekte des Fahrrades zu verflechten. Dieser Auftakt wirkt vielversprechend. Der Museumsbesuch ist nicht nur für Fahrradfans ein absolutes Muss.
Das Fahrrad ist oben angekommen. Im dritten und damit höchsten Stock des Museums für Arbeit in Hamburg-Barmbek ist seit gestern bis März 2015 die gleichnamige Ausstellung zu bewundern, die das Fahrrad aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Direkt unterm Dach des alten Ziegelstein-Gebäudes warten zahlreiche Exponate, Grafiken und Schaustücke auf Besucher. Damit trägt das Museum buchstäblich dem Rechnung, was unten auf der Straße passiert: Das Fahrrad ist auf dem Weg nach oben, wird mehr und mehr zum Statussymbol und macht dabei dem Auto zumindest im urbanen Bereich zunehmend Konkurrenz.

Damit wiederholt sich die Geschichte. Denn das Fahrrad galt bereits vor der Wirtschaftswunderzeit und der damit einsetzenden Massenmotorisierung als begehrenswertes Gut. Wir haben zum Beispiel ein vollverchromtes Adler-Rad ausgestellt, dass 1951 exakt 302 D-Mark kostete. Das war sehr teuer", erläutert Mario Bäumer. Es folgte die autogerechte Stadt und selbst Fahrräder wurden motorisiert, was in der Ausstellung an einem Miele-Rad mit Ilo-Hilfsmotor abzulesen ist. Heute indes, analysiert Bäumer, befindet sich das Fahrrad nach einem wiederholten auf und ab mitten in einem Comeback.

So könnte es an der Alster aussehen. Allerdings erst 2015. Oder so.

Als Abschluss präsentierte Rotfuchs ein Bild, dass den Straßenzug "An der Alster" zirka im Jahr 2050 zeigt. Es ist eines meiner Lieblingsbilder in der Ausstellung, denn es zeigt paradisische Zustände. Spannend in der Fotomontage ist die Radfahrstrasse links im Bild, die mit LED-Technik Radfahrern Fahrhinweise signalisiert - Wunschdenken, 2050 ist leider noch etwas hin.
Überzeugte Fahrradfahrer hören so etwas gerne. Es ist Balsam für die benachteiligte Radfahrer-Seele. Dass sich Radler in Hamburg noch immer nicht ernst genommen fühlen, wird am Abend klar. Im Erdgeschoss tummelt sich ein illustres Publikum aus Senatsvertretern, Radsportlern, Kulturschaffenden bis hin zu Typen aus der Fixie-Radkurier-Subkultur. Schön, wen die Ausstellung alles ins Museum lockt. In vielen Gesprächen der Eröffnungsgäste geht es um die Benachteiligung der Radfahrer im Straßenverkehr. In gleiche Richtung zielt der engagierte und intelligente Vortrag von Verkehrsplaner Konrad Rothfuchs. Der Ingenieur gibt einen historischen Abriss über die Verkehrsentwicklung Hamburgs, nennt Beispiele, was falsch läuft und liefert einen Ausblick, wie die Stadt entwickelt werden sollte. Ein wirklich spannendes Referat.

Für Kurator Marion Bäumer geht es denn auch nicht um eine Verdrängung des Autos, sondern um ein intelligentes Miteinander auf der Straße. "Einen Abschied vom Pkw sehe ich nicht", sagt er und bemüht sich um Relativierung. "2013 hat Porsche in Hamburg elf Prozent mehr Autos in Hamburg verkauft als das Jahr zuvor." Gleichzeitig stiegen aber auch die Ausgaben fürs Fahrrad und es ändere zunehmend das Pendlerverhalten. Momentan gibt es in Deutschland 43 Millionen Autos und 71 Millionen Fahrräder; künftig dürfte sich diese Relation weiter zugunsten des Fahrrades verschieben.

Aber ohne Autos wird es nicht gehen. Und so trägt die Ausstellung dem damit Rechnung, dass einer der Showstars ausgerechnet ein Porsche ist. Zumindest sieht er so aus. Denn unter die täuschend echt wirkenden 911-Karosserie namens Ferdinand sitzt kein Sechszylinder, sondern ein Fahrradantrieb mit zwei mal acht Gängen - auf solche verrückten Ideen kommen auch nur Österreicher, in diesem Fall der schräge Künstler Hannes Langender
Ferdinand und sein Erschaffer Hannes Langender




In seiner Einführung geht Bäumer auch auf der Phänomen der Critical Mass in Hamburg ein. Ein großformatiges Bild zeigt das letzte "Bike Up" vorm Planetarium. Erstaunlicherweise reckt darauf einer sogar eines der sauschweren Stadträder in den Abendhimmel. 

Die ausgestellten Räder lassen sicherlich nicht nur mich schwärmen. Die Galerie spannt einen Bogen von den ersten Laufmaschinen bis hin zum ultraleichten Carbonrahmen für Rennräder. Natürlich fehlte auch das Bonanzarad nicht sowie andere Sondertypen, die Fahrradgeschichte schrieben. 
Bonanzarad im Museum der Arbeit

Ich werde mir die Ausstellung demnächst nochmals in Ruhe und mit viel Zeit reinziehen. Und auch am spannenden Rahmenprogramm mit Lastenradbau-Kursen, Filmabenden und einem Parcours, auf dem man einzelne Räder testen kann, werde ich die nächsten Monate sicherlich öfter mal teilnehmen.

Allen fahrradinteressierten sei die Ausstellung im Museum der Arbeit dringend ans Herz gelegt. Vielleicht sehen wir uns ja vor Ort. Bis dahin wünsche ich eine herzliches "Tailwinds".

Kommentare:

  1. Ein windiger Herbsttag in Hamburg.Ich habe Urlaub.Wohin?Ins Museum.Eintritt 6 €
    Frühes erscheinen lohnt sich.Bei Ankunft waren nur 3 Leute in der Ausstellung.Am Ende waren es 20 und eine gröhlende Schulklasse kam im Aufzug nach oben.Die Ausstellung ist absolut sehenswert.Mein Favorit ist das Rennrad,daß wie aus dem Mäklin Stabilbaukasten aussieht.Die Ausstellung zeigt die Geschichte des Fahrrades von damals bis heute.Fotografieren ist für private Zwecke erlaubt, jedoch nur ohne Blitz.Leider ist es teilweise etwas dunkel an den Rädern.Vor zwei Critical Mass Fotos von Malte Hübner kann man sich Audiokomentare von bei der Critical Mass wartende Autofahrern anhören.Auf den Porsche mit Fahrradinnenleben könnte ich persönlich verzichten.Der Katalog kostet 24 € und kann in der Ausstellung eingesehen werden.
    Meine Empfehlung:Hinfahren (mit dem Rad)
    Gruß CM Fahrer
    PS: Vor dem Museum sind zwei große Plätze wenn sich da nicht die Critische Masse angezogen fühlt

    AntwortenLöschen
  2. Zitat CM-Fahrer: "Wenn sich da nicht die Critische Masse angezogen fühlt."
    Richtig, das habe ich auch schon gedacht. Mal sehen, ob der Start am 30. Mai vorm Museum seien wird. Ein würdiger Treffpunkt ist der Hof ganz sicher.

    AntwortenLöschen
  3. Bleigrauer Himmel in Hamburg.Genau das richtige Wetter um in den Austellungskatalog vom Museum der Arbeit zu schauen.Auf 215 Seiten gibt es spannende Berichte über die Geschichte des Fahrrades.Wer wusste, daß 1923 bei Adam Opel alle 7 sekunden ein Fahrrad vom Fließband lief? Im Katalog sind die meisten Räder der Ausstellung sowie viele historische Fotos abgebildet.Ein lesenswertes Buch,daß ich mir gerne in Regal stelle.
    Gruß
    CM Fahrer

    AntwortenLöschen