Sonntag, 28. September 2014

Aus dem Fuhrpark X: Das schlechteste Fahrrad der Welt

©Derek Baker for St-Pedali
Harry, Du musst jetzt ganz tapfer sein. Der Engländer Harry Bickerton hat Anfang der 70er Jahre ein sehr kompaktes Klapprad auf den Markt gebracht und für mich damit den größten Flop der Fahrrad-Geschichte. Und Achtung: Der Mann war Flugzeugingenieur. Da kann ich nur sagen, Schuster bleib bei deinen Leisten. Das Bickerton portabel ist zwar extrem leicht und kompakt faltbar, aber auch sehr instabil, wackelig, ja gefährlich.

Das Ding hat was! "Bickerton portabel" steht auf der Seite. Daneben prangt gerne der Union Jack. Was für ein interessanter Rahmen. Er ist aus Alu, sehr tief, sehr leicht, sehr kurios. Vor allem der mächtige Lenker, der wie ein Hirschgeweih über dem winzigen 14-Zoll-Vorderrad nach oben ragt. Ein cooles Teil, dieses Bickerton. Fast hätte ich auf einem Flohmarkt mal eines gekauft. Doch die 70 Euro wollte ich nicht locker machen. Ein Fehler, den für Bickertons werden teilweise mehrere hundert Euro verlangt und als Design-Ikonen angepriesen. Die Optik ist in der Tat sehr speziell.

Mein Bickerton: Beide Reifen neu, dafür keine
Schutzbleche - ein Race-Bicki eben

Kürzlich rückte sich das englische Alu-Faltrad wieder in mein Bewusstsein. Auf einer Reise nach England war es dann so weit. Bei E-Bay GB fand ich ein ziemlich mitleidiges Exemplar, bot 70 Pfund, bekam den Zuschlag und holte es in der Nähe von Dover ab. Es tat lange in einer britischen Familie seinen Dienst, nun steht es auf dem Festland bei mir in der Garage. Bevor ich mit meinem Bickerton fahren konnte, waren drei Stunden Schrauberei nötig. Und neue Reifen. Vorn wie hinten hat es sehr spezielle Pneus. Die von Kinderrädern passen leider nicht. Hinten gehört ein 16 Zoll Reifen mit 349er Innenmass rauf. Zum Glück ist der Reifen mit dem vom Brompton kompatibel. Vorn sitzt ein rarer 14-Zöller der Serie 298. Obwohl noch fahrbar, habe ich statt der alten Reifen zwei neue Gummis aufgezogen.
Zeichnung von Derek Baker

Dann noch Züge geölt oder ausgetauscht. Nabe und Bremsen eingestellt, Rost entfernt und siehe da, das Ding fährt tatsächlich. Aber wie! Eine Katastrophe. Wer steife Rennräder gewohnt ist, erlebt ein völlig neues Fahrfeeling. Das Rad fühlt sich weich an wie Stück Butter in der Mittagssonne. Alles, aber wirklich alles, scheint Spiel zu haben. Lenker und Sattelstangen flexen und dehnen sich gleich um mehrere Zentimeter.

Bei meinem Exemplar kommt noch ein beträchtliches Spiel des Tretlagers dazu. Außerdem habe ich den Vorbau falsch herum montiert. Auf zeitgenössischen Fotos ragt er nach hinten; bei mir nach vorne.
Bickerton Schriftzug ohne Union Jack
Ein Wunder also, dass das Bickerton dennoch gut geradeaus läuft und ein gutes Tempo erreicht. Meines hat eine Dreigang-Nabe von Sturmey Archer verbaut, die sich sauber schaltet. In der dritten Fahrstufe wird es allerdings hier und da abenteuerlich. Was, wenn bei Tempo 25 km/h plötzlich der Rahmen kollabiert?

Bickerton gefaltet
So ganz unwahrscheinlich scheint mir das nicht. Der Verriegelungsscharnier ist jedenfalls eine abenteuerlich Konstruktion. Am Alu-Monocoque ist die Hintergabel mit winzigen Schrauben befestigt, Schweißnähte gibt es nicht. De gute Bickerton war eben Flugzeugbauer. Aber kann das wirklich alles halten? Selbst auf der Insel ist das Bickerton gerne das Gespött unter Radfahrern. Beim Tweed Run in London habe ich mal mehrere Bickertons gesehen; selbst diese stolzen Fahrer machten sich über ihre Räder lustig. Was hat den guten Harry da nur geritten so ein unzulängliches Rad zu konstruieren?
Hören wir ihn selbst zu diesem Thema: "I designed the Bickerton Portable essentially as an auxillary to other forms of transport, that is to say to complete door to door journeys when using public transport, boats, aeroplanes, trains and especially cars when convenient parking is out of the question. For the bicycle to be suitable for this purpose, it had to be easily carried and stowed, typically on the luggage racks of trains but also in other forms of transport. It had to fold quickly and easily to a manageable size and it had to be very much lighter than ordinary bicycles. In fact to be truly portable it had to be the size of the average suitcase. To satisfy these requirements the Bickerton Portable makes use of lightweight materials, unorthodox construction, and high quality light alloy components only found on the best and most expensive racing bicycles. These factors combine to give the machine a distinctive, lively and elastic feel when compared to ordinary bicycles.  People have said that riding a Bickerton is like driving a high quality sports car instead of a family saloon. The aceleration and hill climbing is so good that long journeys become really enjoyable, exhilarating and relatively effortless"

So, so, wie ein Sportwagen und nicht wie eine Familienkutsche fühle sich das Bickerton an, schreibt sein Erfinder, und das es sich elastisch anfühle. Letzteres stimmt absolut, ersteres eher weniger. Aber die Idee des Konstrukteurs ist famos: Harry Bickerton wollte ein Rad für Pendler bauen, das besonders kompakt und leicht ist; für Leute mit Booten, Auto oder Hubschraubern sowie für Bahnreisende. Ein weitsichtiger Gedanke.

Bickerton auf dem Energieberg Hamburg
Also konstruierte er sein Rad auf Basis eines klappbares Aluprofils mit sehr kleinen Rädern, jeder Menge Schnellverschlüsse und sehr langer Sattelstange. Neben der Getriebnabe mit Freilauf verwendete Bickerton ein Alu-Kettenblatt aus dem zeitgenössischen Rennrad-Sortiment. Dass diese Konstruktion nicht sonderlich steif sein kann, sieht man ihr schon von außen an.

Doch Harry Bickerton persönlich bewarb seine Erfindung im Fernsehen und zeigte, wie das Rad gefahren und geklappt wird. So sind sie eben, die Briten. Stets etwas schrullig, eigensinnig, originell. Das Bickerton hat durch und durch diesen einmaligen Insel-Charakter. Meine Neuanschaffung besitzt allerdings keine Schutzbleche; es erscheint darum sportlich. Die erste Spritztour verlief anständig. Hektische Bewegungen und ein zu festen Tritt mag das Bickerton allerdings nicht. Ein Rad zum Dahingleiten.
Wer weiß, wie es geklappt wird, erhält ein sehr kompaktes Paket. Noch bemerkenswerter: das Gewicht. So ein Bickerton wiegt unter zehn Kilo. Als Kofferraum- und ÖPNV-Rad ist daher tatsächlich bestens geeignet. Bickerton lieferte seinerzeit eine praktische Tasche, in die das Bickerton bei Bedarf verschwindet. Mit eindringlicher TV-Reklame wurde es 1983 kräftig beworben (links).

Fazit: Das Bickerton ist ein durchaus cleveres Konzept. Immerhin wurde es von 1971 bis 1989 produziert. Aber auch ein Konzept, dass sich in dieser Form nie konsequent durchsetzte.

Dennoch gilt das Bickerton als Wegbereiter eines besonders durchdachten Faltrades: das Brompton. Der umtriebige Andrew Ritschy arbeitete erst als Computer Programmierer, dann als Landschaftsgestalter. Nach dem der Fahrradfan mit ein paar Bickerton-Leuten in Kontakt kam, tüftelte er an einer Verbesserung des Konzepts. Anschließend überredete er zehn Freunde, jeweils 100 Pfund für den Bau eines Prototypen zu investieren. Das legendäre Brompton war geboren. Der Rest ist Geschichte. Darum: Das Bickerton darf also als legitimer Vorläufer des Brompton durchgehen. Ich frage mich nur, welche Flugzeugtypen hat der gute Harry eigentlich konstruiert.


Obwohl ich das Bickerton fürs schlechteste Fahrrad der Welt halte, werde ich es behalten. Denn es ist ein Fahrrad-Meilenstein. Zusammen mit meinem Bruder plane ich demnächst das erste Internationale Bickerton-Treffen in Hamburg. Auch er besitzt seit kurzem ein Exemplar vom schlechtesten Fahrrad der Welt.

Harrys Sohn Mark versucht sich inzwischen an einem Revival des Bickerton Klapprades.

Weitere Infos zum historischen Bickerton auch hier.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen