Donnerstag, 24. Mai 2018

Ikea-Fahrrad: Sladdas trauriges Ende

Gerissener Antriebsriemen von Conti am Ikea-Fahrrad Sladda

Ikea ruft sein Fahrrad Sladda wegen defektanfälliger Antriebsriemen zurück, zahlt Kunden den vollen Kaufpreis retour und steigt aus dem Fahrradgeschäft wieder aus. Das ist in dreifacher Hinsicht schade und bemerkenswert: 
-Erstens trifft Ikea keine Schuld, sondern Zulieferer Continental.
-Zweitens hätte Ikeas-Fahrrad-Engagement mehr Menschen aufs Fahrrad bringen können.
-Und Drittens kommt der oft gelobte Antriebsriemen in die Kritik.
Zu recht! Denn gerissene Riemen sind keine Seltenheit. Auch der Versender Canyon ist betroffen.
Als Dauertester des Sladda wusste ich es schon lange: Ikea hat ein Qualitätsproblem mit seinem Fahrrad. Bereits vor Monaten verschwand das Sladda klammheimlich von der Homepage des Möbelgiganten. Auf telefonisch Nachfrage war zu erfahren: "Momentan nicht lieferbar. Nähere Infos folgen." So eine Auskunft kann in der Regel zwei Gründe haben: Das Sladda verkauft sich prächtig und die Produktion kommt nicht hinterher. Oder das Rad hat Qualitätsprobleme.
Für die Montage eines neuen Riemens muss der Rahmen geöffnet werden

Es sollte sich um Letzteres handeln wie ich kurz darauf persönlich erfahren durfte. Mit meinem Sladda pedalierte ich eine kurze Steigung empor; genauso wie schon viele Male zuvor. Nicht langsam, aber auch nicht mit vollem Krafteinsatz oder im Wiegetritt. Grob geschätzt dürfte meine Trittleistung bei rund 250 Watt gelegen haben. Und dann ist es ganz plötzlich passiert: Ein vernehmbares Knacken kommt von unten und ruckartig rauscht die rechte Pedale ins Leere. Zum Glück kann ich aus dem Sattel springen und lande mit beiden Füssen auf dem Boden, um mich und Fahrrad abzufangen. Das hätte auch anders ausgehen können.

In mindestens elf Fällen ist genau das passiert und es ist laut Ikea zu zwei Verletzungen gekommen. Grund genug für den Möbelgiganten das Rad heute zurück zu rufen. Für immer. Ersatz wird es nicht geben. Einen Nachfolger wohl auch nicht. Nur 400 Exemplare wurden in Deutschland verkauft. Das musste Ikea im Zuge des Rückrufs jetzt wohl eingestehen. Ein ziemlicher Flop also und kein Wunder, dass mehrere Anfragen von mir nach der Stückzahl stets unbeantwortet blieben.

Mein Riemenriss liegt nun auch schon ein paar Monate zurück. Damals hatte ich die Ikea-Hotline angerufen und erfahren, dass das Rad einen "Qualitätsstopp" hat, mir aber natürlich geholfen werden sollte. Und zwar so: "Lassen Sie das Rad bei einem Fachhändler reparieren. Wir übernehmen die Kosten." Da ich aber gerne selbst Hand anlege, machte ich mich im Internet auf die Suche nach einem Ersatzriemen.
Wenig zugfest: Conti-Antriebsriemen CDS nach Befahrung einer Steigung. Der plötzliche Riss kann zu stürzen führen

Eine enttäuschende Idee. In genau einem Onlineshop wurde ich fündig. Preis: fast 100 Euro. Und auch über Fahrradhändler war kein Contiriemen zu bestellen. Warum nicht? Wie lange weiß Conti schon von den Problemen? Rein optisch sieht so ein Fahrrad-Riemen nicht viel anders aus als die Zahnriemen für die Ventilsteuerung im Auto. Und diese Dinger kosten etwa zwölf Euro. Was, bitte schön, macht einen Riemen fürs Fahrrad so teuer?

Trotzdem habe ich mir den Riemen aus dem Internet schicken lassen, ihn verbaut und fahre seitdem damit. Aber die Angst rollt mit: Wann wird er wieder reissen? Denn offensichtlich hat Zulieferer Continental ein massives Haltbarkeitsproblem mit dem Beltdrive. Dabei wurde das Produkt von  Conti-Drive-Systems (CDS) bei der Markteinführung von Fahrradmedien gefeiert. Der gezahnte Polyurethan-Riemen wird durch längs verlaufende Aramidfaserstränge angeblich "absolut zugfest".
So sieht der Conti-Riemen im Neuzustand aus. Dieser hat die Länge 1400 mm. Er wird in Deutschland hergestellt. Warum auch das trendige Wort "Carbon" auf den Riemen gedruckt wird, erschließt sich nicht 

Von wegen! Die Fahrradforen sind voll mit Berichten von gerissenen Antriebsriemen. Stark betroffen ist offenbar der deutsche Versender Canyon, der deutlich weniger kulant mit seinen Kunden umgeht als Ikea. Per Sicherheitshinweis werden Betroffene nur angewiesen ihr Rad bis auf weiteres stehen zu lassen. Eindeutig scheint Conti also mit seinem Beltdrive mehr Probleme zu haben als Konkurrent und Riemenpionier Gates. Hilft hier die Erfahrung aus dem Motorradbereich? Unter anderem donnern Harleys mit Gates-Riemen durch die Gegend. Anders als das Contiprodukt mit acht Millimeter Breite misst der Gates-Riemen zwölf Millimeter. Das macht offenbar einen wichtigen Unterschied. Auch bietet Conti sein Beltdrive-System in unterschiedlichen Güteklassen an. Der Ikea-Riemen entstammt der "Eco"-Linie, also der günstigeren Variante, wobei ich hier nur Abweichungen bei den Zahnscheiben ausmachen konnte; nicht bei den verbauten Riemen.

Fakt ist: Der von vielen gefeierte Antriebsriemen fürs Fahrrad bekommt einen Dämpfer. Den Vorteilen (leise, wartungsarm, leicht, sauber) stehen nun nicht nur die Kostennachteile entgegen, sondern auch die Dauerhaltbarkeit und Extremlast-Problematik. Außerdem haben engagierte Reiseradler wissenschaftlich nachgeprüft, dass Riemenantriebe durch ihre Spannung und Reibung weniger effizient antreiben als die gute alte Kette.

Aber was viel schlimmer ist: Mir hat das Ikea-Rad insgesamt gut gefallen. Es bietet eigentlich einen wirklich guten Gegenwert fürs Geld, sinnvolles und praktisches Zubehör und wäre dank der Markmacht von Ikea ein tolles Instrument gewesen, unbeschwertes Radfahren zumindest auf Kurzstrecken populärer zu machen. Von den Kulanzangeboten des schwedischen Unternehmens ganz zu schweigen. Alles, was jetzt von Ikeas-Fahrradabenteuer bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack nach dem Motto "Schuster bleib bei..." und so weiter. Nein, ich finde das hat Ikea nicht verdient. Schadenfreude ist fehl am Platz. Vielleicht zeigt das Unternehmen ja doch Mut und bringt irgendwann erneut ein Bike auf den Markt. Beim Thema Möbeltransport per Lastenrad bleibt Ikea ja innovativ. Bald soll es auch den Lastenanhänger von Nüwiel aus Hamburg-Harburg dort zur Ausleihe geben.

Nur eine Frage hätte ich noch an Ikea: Was passiert mit den zurück gegebenen Sladdas? Bitte nicht verschrotten! Dafür sind sie zu schade. Eine Umrüstung auf Kettenantrieb ist kein großes Problem. Dann können sie refurbished wieder auf dem Markt. Oder sie werden gespendet für diejenigen, die gut ein gutes Fahrrad gebrauchen können. Oder....


Kommentare:

  1. Hans Jorritsma25. Mai 2018 um 20:12

    Erstens entschuldiging fur mein Deutsch, ich bin ein Hollander. Ich habe drei sladda fahrrader. Und ich will die behalten. Habe Gates system angeschaut, bin nicht ganz sicher aber ein completes Gates system wurde ungefahr 250 euro kosten. Wann viele Sladda zuruckgenommen wurde wird die Sladda vielleicht ein sammlungsobjekt.

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  2. Traurig ist ja auch, dass den Nutzern nicht die Option gegeben wird das Rad auf einen verbesserten Riemen von Conti umzurüsten (haben die inzwischen noch nichts besseres?)
    oder auf Kettenantrieb umzurüsten.
    Möglich natürlich, dass der Riemenantrieb reisst weil u.a. der Riemen im Rad nicht ideal eingebaut ist oder die Riemenspannung nicht stimmt.
    Die Umrüstung auf Kette ist sicher die einfachste/günstigste Variante zu sein.

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