Freitag, 3. Juli 2015

Der ist nicht mehr ganz dicht: Wie flickt man einen Fahrradschlauch richtig?

Das bringt nichts! Sieben Flicken und trotzdem verliert der Schlauch Luft. Grund: Das Loch war zu groß. Darum: Besser einen neuen kaufen
Pffffffffffffffft!!!! Das Geräusch kennt jeder Radfahrer. Plötzlich ist die Luft aus dem Reifen. Ein paar Scherben, spitze Steinchen oder eine Heftzwecke reichen - schon haben Decke und Schlauch trotz "pannensicherem" Materials ein Loch. Dann wird es mühsam. Rad ausbauen, Decke abhebeln, Schlauch raus, neues Gummi rein und alles wieder zusammenbauen. Eine fiese, lästige Sache. Mich hat es dieses Jahr besonders heftig erwischt. Noch nie hatte ich so viele Plattfüsse. Darum habe ich mir ein paar Gedanken zur Schlauchreparatur gemacht.
Schwalbe, Conti und Co leben gut von uns Fahrradfahrern. Schläuche gehören wohl zum gängigsten Verschleißmaterial im Fahrradhandel. Mit Premiumpreisen zwischen sechs und acht Euro für einen neuen Markenschlauch verdienen die Firmen nicht schlecht am frischen Gummi. Continental betreibt 400 Schlauchomaten, an denen es gegen Münzgeld (7,50 Euro) frische Schläuche gibt. Konkurrent Schwalbe dürfte mit seinem Schlauch-Automaten kaum weniger Standorte anbieten.

Ich kenne viele Radfahrer die einen perforierten Schlauch immer automatisch durch einen neuen ersetzen. Besonders unter Rennradfahrern scheint die Meinung verbreitet, dass ein geflickter Schlauch nie richtig dicht wird oder sogar ein Risiko darstellt wenn sich das Rad bei schnellen Bergabfahrten durchs bremsen erwärmt und damit die Flickstelle wieder undicht wird. Oft es es sicherlich auch der nervige Umgang mit Gummilösung und Flicken, die viele Radfahrer davon abhält, einen Schlauch zu flicken.

Mir werden neue Schläuche auf Dauer aber zu teuer. Darum sammle ich undichte Schläuche und flicke sie irgendwann ein einer konzertierten Aktion. Inzwischen habe ich einige Übung darin. Trotzdem kriege ich nicht alle Schläuche dicht. Sind die Löcher zu groß oder hat der Schlauch einen Riss, versuche ich es erst gar nicht. Der Schlauch fliegt in die Tonne. Auch bei "Snakebites", also ein Doppelloch, das beim Durchschlagen der Felge beim Fahren mit (zu) niedrigem Luftdruck im Gelände entsteht, machen Reparaturversuche meist wenig Sinn. Weg damit!

Aber kleine Löcher lasen sich meist prima mit der guten alten Kalt-Vulkanisiermethode flicken. Mit selbstklebenden Flicken habe ich zu wenig Erfahrung. Sie scheinen mir auch bei hohen Luftdrücken nicht unbedingt der ideale Reparaturweg zu sein.

Wie flickt man denn nun richtig? Eigentlich ein Kinderspiel: Loch lokalisieren, schadhafte Stelle aufrauen, Gummilösung dünn darauf verreiben, fünf Minuten ablüften lassen, Flicken aufdrücken, fertig. So beschreiben es wenigstens die Beipackzettel. Ganz so einfach ist es in der Praxis dann aber nicht immer. Vor allem bei schmalen dünnen Leicht-Rennradschläuchen ist das Flicken eine filigrane Sache. Wichtig ist hier die Verwendung kleiner Rennschlauchflicken von 15 Millimeter Durchmesser (Tiptop TT04); grössere passen nicht und neigen dazu, sich seitlich von der Flickstelle zu heben. Je breiter der Reifen, desto leichter fällt die Reparatur.

So mache ich es: Ich suche das Loch mit dem Ohr oder im Wasserbad und markiere die Stelle. Dann warten, bis der Schlauch abgetrocknet ist. Anschließend Gummilösung großflächig auftragen, dabei aber die defekt Stelle im Blick behalten. Ist sie nicht mehr erkennbar, pumpe ich etwas Luft in den Schlauch und achte auf die kleinen Bläschen die durch die Vulkanisierflüssigkeit aufsteigen. Fünf Minuten Antrockungszeit sind meiner Erfahrung nach eher zu lang. Bei warmen Temperaturen, besonders in der Sonne, reichen zwei bis drei Minuten. Die neuen Tiptop-Sets verzichten inzwischen übrigens auf Wartezeiten. Nun mit sauberen Fingern den Flicken aufdrücken und an den Rädern auf den Schlauch massieren. Hilfreich ist es dabei ein klein wenig Luft in den Schlauch zu füllen. Nun lege ich den Schlauch zur Seite und widme mich dem nächsten Kandidaten. Mir scheint es wichtig, dass die Schläuche nach der Reparatur zunächst etwas ruhen - auch wenn die Reparaturanleitungen nichts dazu verraten.

Am Ende der Flick-Session fülle ich ein paar Pumpenhiebe in die Schläuche - nicht zu wenig, nicht zu viel. Jetzt kommt noch ein kritischer Part: das Abpulen der Trägerfolie. Hier kann es passieren, dass sich der Flickenrand vom Schlauch abhebt und er wieder undicht wird. Vorteilhaft ist, wenn die Kunststoff-Folie in der Flickenmitte aufbricht und sich von dort nach außen abziehen lässt. Zeigt sich die Folie widerspenstig und will sich nicht von Flicken trennen, einfach drauf lassen. Sieht zwar nicht schick aus, aber so bleibt der Reifen dicht.

Nun hänge ich die Reifen ein paar Tage in die Ecke und warte was passiert. Sollte ein geflickter Kandidat seine Luft verlieren werfe ich ihn weg, was zum Glück kaum vorkommt. Mehrere übereinander gelegte Flicken bringen meistens keinen nachhaltigen Erfolg - am Ende werden mehrere Flicken samt Gummilösung teurer als ein neuer Schlauch (siehe Foto oben). Außerdem frustet das und kostet zu viel Zeit.

Welches ist das beste Flickzeug-Set? Das ist buchstäblich eine Preisfrage. Die kleinen Boxen kosten zwischen einem Euro und stolzen 3,50 Euro. Das Set von Traditionshersteller Tiptop ist teuer, aber gut. In Supermärkten gibt es die identische Packung auch von Prophete - gängiger Preis: 2,70 Euro. In Euroshops gibt es die gleiche Bestückung schon für einen einen Euro. Auch dieses Zeug funktioniert, allerdings sitzt hier die Trägerfolie nach meinen Erfahrungen deutlich fester als bei dem teureren Produkten. Sehr gut sind auch die Simson-Flicksets aus Holland.
Flickzeug von Tiptop und Prophete: Identisches Produkt
mit starkem Preisunterschied

Also Leute, reparieren ist nicht nur günstiger als neu kaufen, sondern auch nachhaltiger. Wenn ich zehn defekte Schläge repariert habe und neun bleiben anschließend dicht, ist das ein schönes Erlebnis und der Schlauchvorrat ist wieder gut aufgefüllt.

Kommentare:

  1. Die Rennradflicken von TipTop gibts auch als 10er Pack in Papiertütchen für 1-2 Euro.

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  2. Richtig! Die kleinen Rennradflicken gibt es in Papiertütchen. Wer viele Schläuche reparieren will ist damit gut und günstig beraten. Auch die Tiptop-Gummilösung gibt es separat. Statt 5 Gramm-Tuben empfehle ich für eifrige Flicker die größeren Tuben mit 50, 75 oder 125 Gramm. Oder gleich den Profi-Topf mit 0,5 Kilo Inhalt

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  3. Auf was für Strassen fahrt ihr denn? Oder liegt es vielleicht am Fahrstil? ;)
    Ich habe in 20.000km (Rennrad Training + Rennen) gerade mal 1 Platten gehabt. Das war in einem fiesen Baustellenbereich mit spitzen Steinen.

    Ich denke die eine Hälfte der Platten passiert wegen zu geringem Luftdruck: Je härter der Reifen desto eher "springen" Steinchen beim drüberfahren weg. 8 Bar sollten es mindestens sein, eher 8,5. Aufpumpen vor jeder Ausfahrt ist Pflicht.

    Die andere Hälfte liegt am Fahrstil: Manche Leute nehmen einfach erstaunlich viele Steine mit.

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  4. Da stimme ich Dir zu. Viel hängt vom Luftdruck und Fahrstil ab. Ich wurde auch jahrelang verschont, hatte maimal einen Platten pro Jahr. Doch dann kam es plötzlich dicke, obwohl ich sogar weniger fahre, dafür mehr in der Stadt und im Gelände. Vor allem dort hatte ich immer wieder Platten. Ich hoffe Du bleibst verschont.

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  5. Reifen flicken - was ist das denn? - Kenne ich gar nicht. :-D

    Mein letzter Schlauch hat 10 Jahre gehalten. Wenn ich regelmäßiger aufgepumpt hätte, dann sicher sogar noch länger.

    Die Antwort: Anti Platt! - Wird zwischen Mantel und Schlauch gelegt. Da kommen dann keine Glasscherben usw. mehr durch. Vorher lag der Schnitt bei einem Flicken pro Monat.

    http://www.jofablog.de/2009/05/pannenschutz-anti-platt-im-praxistest/

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  6. Meine Reifen mit Pannenschutzeinlage (Schwalbe, Conti u.s.w.) sorgen für weniger Plattfüße. Dennoch habe ich auch einen karton, wo alle Schläuche mit Loch reinwandern. Um den Flicken mittig über das Loch zu bringen mache ich ein großes Kreuz mit Edding über das Loch und male noch einen großen Kreis. Der wird dann mit der Kaltvulkaisierung eingestrichen. Man wartet geduldig, bis alles matt ist. Da der erste Kontakt beim Vulkanisieren wichtig ist, presse ich den Flicken mit aller Kraft auf die Stelle. Dann noch mal mit dem Hammerstil zu allen Seiten verstreichen, damit auch die Ränder halten. Nach dieser Massage gönne ich meinen Patienten auch erst einmal Ruhe, dann kommt die Folie runter. Hebst sich dabei der Rand, kann man den einfach noch mal nach aussen feststreichen. Oder einfach anheben, Kleber drunter, etwas warten und wieder feste drauf pressen.
    Bis jetzt hatte ich in den allermeisten Fällen gute Treffer mit meinen Flicken. Das ankreuzen des Lochs macht es leichter den Flicken nicht am Rand zu platzieren.
    Ob's hält sehe ich, wenn ich den Schlauch einbaue. So hat der Flicken durch den Mantel einen gewissen Gegenhalt. Er soll ja nicht fliegen gehen. Wahrscheinlich ein Ritual in der Hoffnung, dass alles hält... ;)

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  7. Danke für die tolle Erklärung!

    LG Josef, Betreiber von http://klappfahrrad-test.eu/

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